Abspann – Das Festival ist vorbei und wir interviewen uns gegenseitig 10/10


Mit einem Autoren-Gespräch zwischen den beiden Bloggern, die die 60. Internationalen Filmfestspiele Berlins in den zehn Berlinale-Tagen begleiteten, endet diese zehnteilige Reihe…

Ralf: Aus der Sicht des Interviewers – wie ergiebig ist die Berlinale?

Denis: Viele der vereinbarten Interviews sind so genannte Gruppen-Interviews, also Gespräche in denen mehrere Journalisten einen „Star“ befragen. Dabei kommt häufig nicht viel Brauchbares rum. Solche Mini-Pressekonferenzen funktionieren nur sehr selten und sind so auch für den Leser nicht wirklich spannend. Andererseits sorgt der Starauftrieb bei der Berlinale dafür, dass wir Journalisten an internationale Stars rankommen, bei denen das sonst nicht hinhaut. Letztlich bleibt der Traum, den Überraschungssieger des Wettbewerbs in trauter Zweisamkeit befragt zu haben. Hast Du „Bal“ von Semih Kaplanoglu gesehen?

Ralf: Nein. Für mich wird das Überraschungs-Sieger-Interview wohl auch deshalb ein Traum bleiben wird, weil ich, ich glaube zum achten Mal in Folge, den Goldenen Bären-Gewinner während des Festivals verpasst habe. Es gibt einfach zu viel, was im überbordenden Berlinale-Programm neugierig macht und erfahrungsgemäß ist man mit den Wettbewerbsfilmen doch selten am Besten bedient.

Denis: Mir ging es auch so. Leider. Scheint ein gutes Omen für jeden Wettbewerbsfilm zu sein, wenn ich ihn verpasse….

Ralf: Gab es für Dich einen besonderen Höhepunkt oder einen Skandal in diesem Jahr?

Denis: Es war doch eher eine skandalfreie Berlinale. Die Aufregung um „Jud Süß“ und „The Killer Inside Me“ waren vorprogrammiert – und daher eher ebenso langweilig, wie Gespräche übers Wetter oder Wasser in Plastikbechern. Ich empfand Werner Herzog als unglücklichen Ober-Juroren einer blassen Jury. Herzog stellte schon im Vorfeld die Bedeutung von Festivals in Frage, anstatt deren Bedeutung herauszukehren. Ein vollkommen falsches Signal ans Arthouse-Kino.

Ralf: Skandalös als Film fand ich im Nachhinein dann doch am ehesten „Barriere“. Ein Regisseur wie Andreas Kleinert, der als Professor an der Filmhochschule so ein biederböses Lehrstück über junge Schauspieler macht und das auch noch als Hochschulproduktion, ist zumindest ein trauriges, fast schon arrogantes Statement. Auch, wenn es gut aussah. Ein Höhepunkt am letzten Tag war für mich die Verabschiedung von Alfred Holighaus, der nach zehn Jahren die von ihm gegründete, wichtige Programmsektion „Perspektive Deutsches Kino“ verlässt. Bevor RP Kahl sein sehr souveränes Berlin-in-den-90ern-Making-Of-a-Sexfilm-Drama „Bedways“ präsentierte, überreichte er Holighaus einen eigenen „Godfather-Bären“. Großer Jubel. Große Rührung. Zu Recht. Zuvor gab es übrigens noch einen wunderbaren Dokumentarfilm im Babylon beim „Generation-Programm“ zu sehen. „Tanzträume“ erzählt von der Einstudierung des Pina Bausch-Tanzstücks „Kontakthof“ mit Wuppertaler Schülern. Klingt nach einem Aufguss von „Rhythm Is It“ – ist aber fast noch besser, genauer, eine Verbeugung vor der kürzlich Verstorbenen Godess of Tanz Pina Bausch und ganz großes Kino. Da wird er sicher bald auch laufen. Was ist „dein“ Film des Festivals?

Denis: „Den“ Film gab es nicht. Aber einige sehr gute! Mir haben die skandinavischen Beiträge, der unterkühlt-düstere „Submarino“ und der anrührende „En Familie“ besonders gefallen – die es ansonsten bei der Kritik sehr schwer hatten. Weiter hat mich der kraftvolle „Die Fremde“ mit Sibel Kekilli beeindruckt.

Ralf: „Die Fremde“ – da stimme ich Dir auf jeden Fall zu. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das Thema „Ehrenmord“ in einer Migranten-Familie besser erzählen könnte. Feo Aladag macht das komplex, spannend und zugleich in einem völlig adäquaten, unspektakulären Ton. Ich schlage das Filmstill aus „Die Fremde“ hier mal als Bild für diesen letzten Blog-Eintrag vor. Es ist eines der wenigen gelungen Beispiele. Fast alle Filmstills, die, nicht nur zur Berlinale, von den Produktionsfirmen der Presse zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt werden sind eher abschreckende, langweilige Motive, die selten etwas über den Film aussagen.

Denis: Ein solches Arbeitszimmer wie das von Ewan McGregor in Roman Polanskis „Ghostwriter“zu beackern, könnte mir gefallen. Ansonsten fand ich die Filmstills auch nicht sonderlich…

Ralf: Wie wär’s mit einem letzten Satz als Fazit?

Denis: Nach der Berlinale ist vor der Berlinale. Ich freue mich aufs nächste Jahr, wünsche mir aber eine inhaltliche Schärfung. Die vielen Sektionen sorgen zwar für immer neue Besucher-Rekorde, aber auch für eine Verwässerung des Festivals.

Ralf: Schön, dass wir nicht über das Wetter geredet haben. Ich schließe mich Dir an. Bis nächstes Jahr!

Dieser Beitrag ist der vorerst letzte Teil einer Berlinale-Kooperation vom Portal für Interviews Planet Interview und Berliner-Filmfestivals.de.

Die Herren, die sich hier zum Abschluss gegenseitig befragen sind die Autoren Ralf Krämer und Denis Demmerle.


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