achtung berlin 2011: Gedanken zur Musik- Retrospektive


Chicoree

Chicoree

Der letzte Tag. Das Filmtheater am Friedrichshain brachte einem schon die Punkrockszene Westberlins näher. Mit „Flüstern und Schreien“ (1988, Dieter Schumann) begab man sich nun in die Zone. Situationskomisch ist es schon, wenn die Jungs von Feeling B einen Rübenacker bespielen und „Chicoree“ ihre schmalzigen Balladen jungen Damen im Eva-Kostüm entgegenschalmeien. Die Interviews mit Flake, der später bei Rammstein landen wird, könnten als Lehrvideos mit Namen wie „Icke for advanced“ herhalten. Die Stärke dieser Dokumentation ist weniger das Aufzeigen eines Sammelsoriums vergangener Künstler, als Signale aufzufangen, die durch den Wechsel von Ostberlin und Kuhkaff, Tag und Nacht, schönem und schlechtem Wetter zustandekamen. Dabei fallen alle Intimitäten zu Gunsten der Erhellung von Details. Soll heißen, die Musik war nicht umwerfend, aber dieses spezielle Lebensgefühl verschwand ebenso mit dem Fall der Mauer wie die unfassbar hässliche Oberlippenbärte.

Immer gilt die Musik verflossener Zeiten als ehrbar, die neue dagegen als verwerflich. Allerdings klingt daneben auch schon der Unwille an, der sich gegen das Eindringen und gedankenlose Nachahmen des Fremden richtet. Was also bleibt? Das Einbeziehen von mehreren Stadtteilen glückte den Kuratoren der Retrosepktive. Beim Archivmaterial darf man sich vortrefflich streiten, ob es entstaubenswert war oder nicht.

Die Nostalgie vermag es auch dem größtem Schrott eine schöne Seite abzugewinnen, doch manches Kino sollte Kopfkino bleiben. Dagegen waren Beiträge wie „SubBerlin“ wirklich sehenswert, da sie den gesellschaftlichen Mehrwert und nicht das eigene verzerrt übersteigerte Selbstbewusstsein in den Fokus rückten. Eine wirklich kritische Abrechnung suchte man allerdings vergeblich, denn machen wir uns nichts vor: Subkulturen sind abstrakte Personenwelten, die alle Verantwortung übernehmen und dennoch niemandem verantwortlich sind. Das ist sehr bequem. Durch diese Eigenschaft entheben sie die meisten ihrer Anhänger des eignen Nachdenkens, Suchens und Forschens. Sie geben jedoch eine fertige Form, die sozusagen die allgemeine Anerkennung sucht, in dem sie so tun, als wenn es sie nicht interessiert. Auch das ist sehr bequem.

Joris J.

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25. April 2011 | In achtung berlin

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