"Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten"


Filmszene: "Debtocracy"

Filmszene: "Debtocracy"

In einer nach dem kapitalistischen Prinzip organisierten Wirtschaft ist die Existenzsicherung der Arbeitnehmer strukturell mit dem Modus der Lohnarbeit verknüpft. Das heißt, in der Regel sind Arbeitnehmer gehalten, ihre Arbeitskraft auf einem eigens dafür vorgesehen Markt, dem Arbeitsmarkt, zu verkaufen, um über den Weg des Tausches, Arbeitskraft gegen Lohn, ihre Existenz sicherzustellen. Das funktionierte zwischen 1930 und 1970 im sogenannten fordistischen Zeitalter ausgesprochen gut, da der Fordismus nicht nur eine hohe Quantität an Geringbeschäftigten benötigte, sondern auch mit billigen Produkten einen Absatzmarkt erschloss, der gesellschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit weitesgehend ausschloss. Ein Wohlstand in Maßen war möglich. Freilich zu dem Preis eines Acht-Stunden-Arbeitstages, eines Hauses mit kleinem Garten und weißem Zaun und einer Ehefrau, die sich um den Haushalt kümmerte. Das Leben war weitesgehend ereignislos. Im Zuge dessen entstanden Subkulturen, die sich gegen die Vorhersehbarkeit des Lebens auflehnten. Rückblickend betrachtet, waren es harmlose Probleme, denn seitdem das fordistische Modell der Vergesellschaftung immer weiter an seine Grenzen gerät, ist sowohl die Welt der kleinen Leute als auch die der Subkulturen bedroht.

Die ökonomische Lösung um den Lebensstandard aufrechtzuerhalten, den wir alle schätzen, besteht darin, die Produktion von Konsumgütern zu spezialisieren. Das erreicht man durch hochqualifizierte Arbeitskräfte in den Kernbereichen als auch geringqualifizierte Arbeitskräfte in den Randbereichen der Produktion. Kurz: Der, der Arbeit hat, arbeitet sich krank und der, der keine Arbeit hat, steht außerhalb der Gesellschaft und wird ebenfalls krank. Soll auch zu gut deutsch heißen, dass die Kommunikation von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Produzenten und Konsumenten erheblich gestört ist. Uns allen wird dabei stets die Unbedingbarkeit des reinen Funktionierens nähergebracht. Nur ist es das Wesen des Politischen, dass es im Bedingten existiert. Politik kann immer nur von und mit Menschen gemacht werden, die mit sich reden lassen. Sie ist die Nachgiebigkeit scheinbar unnachgiebiger Überzeugungen. Sie ist ein lautes Entweder, das sich auf ein leises Oder eingestellt hat. Und damit zur vergangenen Globale, die vom 3. bis 9. November ein wirklich gelungenes Potpourri an cineastischen Entweder-Oders präsentierte.

Cowboys In India“ (Simon Chambers) zeigt die Pros und Contras der Industrialisierung in der indischen Provinz Orissa auf. In erster Linie ist es ein Roadtrip durch eine unhygenische Umgebung, bei der die indigene Bevölkerung den cholerischen Lokalcholerit gibt, der sich mit den Machenschaften eines Minenbesitzers nur schwer verbinden lässt. Kleine und große Korruption, Ordnungshüter, die die lächerlichen Mützchen, die ihre Häupter krönen, nicht verdienen und die Einsicht, dass man mit sehr armen Menschen sehr viel Geld verdienen kann, werden hier mit einem gewissen Galgenhumor präsentiert. Für eine Dokumentation mit einem derart defätistischen Thema verlässt man überraschend gutgelaunt den Kinosaal.

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11. November 2011 | In Globale

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