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Filmszene: "Die Kinder vom Napf"

Filmszene: "Die Kinder vom Napf"

Zum 35. Mal werden Kinder- und Jugendfilme bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin in ihrer eigenen Sektion präsentiert. Kein Grund, groß zu feiern, finden Sektionsleiterin Maryanne Redpath und ihr Stellvertreter Florian Weghorn. Und konzentrieren sich lieber auf gute Filme für die jüngsten Zuschauer der Berlinale, die in den Wettbewerben Kplus (für Zuschauer von 4 bis 13 Jahren) und 14plus in das Rennen um den Gläsernen Bären und die Preise des Deutschen Kinderhilfswerk gehen.

Zurück zu den Wurzeln und Flucht nach vorne – so könnte man die zwei großen Themenbereiche zusammenfassen, die dieses Jahr die Generation dominieren. „Die jungen Protagonisten befinden sich in den Filmen oft in schwierigen  Situationen, für die sie selbst nichts können„, beschreibt Redpath den Kern vieler Filme. „Um zurecht zu kommen, müssen sie Werkzeuge haben.“ Diese Werkzeuge finden die Kinder dabei oft in ihrer Herkunft und Kultur. So wird im Dokumentarfilm „Maori Boy Genius“ (14plus) die Geschichte von Ngaa Rauuira erzählt. Ein Junge, der mit der Maori-Kultur groß geworden und der Hoffnungsträger der neuseeländischen Ureinwohner ist. Schon als Kind verschlingt er politische und philosophische Literatur, studiert mit 16 Jahren Politik in Yale, sein ganzes Volk legt zusammen, um ihm sein Studium zu finanzieren. Ngaa Rauuira ist ein smartes Genie mit starken Wurzeln, in ihm vereinen sich Tradition und Moderne auf außergewöhnliche Weise. Die Dokumentation begleitet ihn dabei, wie er den Maori eine neue Stimme gibt.

Auch im Kplus-EröffnungsfilmDie Kinder vom Napf„, ebenfalls ein Dokumentarfilm, geht es um eine besondere Art von Gemeinschaft. Regisseurin Alice Schmid begleitete ein Jahr lang die Bergbauerkinder der Schweizer Gemeinde Romoos und zeigt deren Leben in Abgeschiedenheit, Abenteuer und Idylle. Es verspricht spannend zu werden, wenn Schmid und die Kinder aus Romoos auf der Berlinale mit den Großstadtkindern im Publikum über die unterschiedlichen Vorstellungen von Kindheitsidylle diskutieren.

Rausgerissen aus jeglicher Kindheitsidylle sind die Protagonistinnen in „Vierzehn„. Die vier Mädchen sind alle vierzehn Jahre alt. Und schwanger. Was es bedeutet, als Kind ein Kind zu bekommen und welche Höhen und Tiefen die Teenager auf ihrem Weg durchlaufen zeigt die Dokumentation von Cornelia Grünberg. Ebenfalls 14 Jahre alt ist auch die Hauptdarstellerin im türkischen Beitrag „Lal Gece„. Sie wird mit einem sehr viel älteren Mann zwangsverheiratet und der Film von Reis Celik thematisiert ihre Hochzeitsnacht. „Das Besondere ist, dass der Film nicht nur das Leiden des Mädchens zeigt, sondern auch den Druck, der auf dem Mann lastet„, so Redpath. Sexualität und Religion sind auch die zentralen Themen in „Joven & Alocada„, der als einer von zwei Filmen in „14plus“ ausdrücklich erst ab 16 Jahren empfohlen wird. Teenie Daniela führt in dem chilenischen Film ein Doppelleben.  In einer Familie strenggläubiger Evangelikaner aufgewachsen und von der Mutter mit Verboten und Zwangsmaßnahmen gemaßregelt, kommuniziert das Mädchen über ihren Blog freimütig über Sex und Selbstentfaltung und lebt diese Bedürfnisse in einer Affäre mit ihrer Freundin aus.

Den kleinsten Zuschauern der Berlinale wird auch dieses Jahr keine leichte Kost aufgetischt. Doch genau das ist die Stärke der „Generation“. „Happy End kann auch heißen, mit einer schwierigen Situation endlich umgehen zu lernen„, bringt es Weghorn auf den Punkt. Viele der insgesamt 27 Lang- und 31 Kurzfilme zeigen dem jungen Publikum unterschiedliche Möglichkeiten, die passenden Werkzeuge dafür zu finden.

Verena Manhart

ÜBERSICHT ZUR 62. BERLINALE


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