Berliner Lebensgefühl


In "Essenz des Guten" spioniert die frischgebackende Architektin Lena ihrem Exfreund Hannes im Internet hinterher.

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Berlin hautnah. Die achte Ausgabe des achtung berlin Festivals zeigte Geschichten in authentischen Erzählstilen und Genremixe, die Identitäten schaffen und ein echtes Berliner Lebensgefühl vermitteln.

Sympathisch war dann auch die Eröffnungsrede von Schauspielerin Anna Brüggemann im Kino International. Denn zwischendurch berlinerte sie – echt. Auch die Festivalleiter Hajo Schäfer und Sebastian Brose verkündeten ehrlich, dass sie in diesem Jahr noch mehr improvisieren mussten als sonst, da ihr Hauptsponsor aus der Solarbranche kurzfristig abgesprungen ist. Dann wird der Eröffnungsfilm verkündet: “Puppe, Icke und der Dicke“. Es verwundert nicht, dass sich das Berliner Roadmovie von über 80 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen, die allesamt in Berlin oder Brandenburg spielen, hier produziert wurden oder deren Macher von hier sind, für diesen Zweck qualifiziert hat. Denn die leichte Komödie von Felix Stienz wartet nicht nur mit Kreuzberger Schauplätzen auf, sondern einem echt schnoddrigen Berliner in der Figur des Bomber, ungekünstelt und lebensnah gespielt von Tobi B. , wie man ihn selten im Kino so Berlin typisch erlebt. Normalität bekommt schließlich eine neue Bedeutung, wenn Puppe, die blinde Europe, resümiert: “Everybody ist Behinderter” – was für ein Statement!

Aber auch in anderen Filmen agieren die Darsteller mit ungekünstelter Natürlichkeit. Besonders oft sind die Grenzen zwischen Dokumentarischem und Spielfilm fließend. Ästhetisch ist das der Fall bei dem Festival-Gewinner “Dicke Mädchen“, der in der Plattenbausiedlung Berlin-Lichtenberg spielt. Hier hat man zunächst den Eindruck, es handelt sich um einen Dokumentarfilm. Schnell wird aber klar, es ist eine Low-Budget-Produktion. Regisseur Axel Ranisch inszeniert die Beziehung zweier dicker Männer mit außergewöhnlicher Zärtlichkeit in dieser ungewöhnlichen Machart. Es ist sein Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg. Gedreht wurde mit einer einfachen MiniDV-Kamera und nur auf Grundlage eines Treatments, ohne Drehbuch. Die Jury weiß dieses Wagnis zu schätzen und belohnt es sogar mit dem Hauptpreis “Bester Spielfilm”.

Dem mittellangen Film “Crazy Dennis Tiger” von Jan Soldat dagegen ging eine Dokumentation voraus, bevor der Stoff im Drehbuch verdichtet und daraus ein Spielfilm wurde. Die Machart ist für das Festival signifikant und interessant. Doch leider ist es weniger eine Geschichte um die Identitätsfindung des vorpubertären Dennis, da sie keine Entwicklung zulässt. Dennis verbringt seine Freizeit stets zu seinem größeren Bruder und dessen Freunde, die alle für Wrestling trainieren. Er schaut ihnen zu, da er selbst noch zu jung ist für das Training. Und er schaut zu ihnen auf. Seine Versuche, sich in die Gruppe als vollwertiges Mitglied zu integrieren bleiben ohne Erfolg, ebenso seine Hilfsangebote, die er seinem Bruder macht, nachdem dieser bei einer Vorführung als Zuschauer verletzt wurde. Eher still beobachtend, ohne übergreifende Gesamtaussage, nur aus dem Mikrokosmos der Umgebung, den Schauplätzen der Wrestling-Hallen in Henningsdorf und Schönflies, und der Sicht des Antihelden zeigt der Regisseur ebenso wie sein Hauptdarsteller eben nur seine Situation, ohne dass diese plausibel wird. Warum der Junge beispielsweise keine gleichaltrigen Freunde hat oder keine Identifikationsfigur im Vater findet, bleibt offen, sodass er schließlich scheitern muss. Daran ändert auch sein Versuch, sich aus dem Hinterhalt zu behaupten, indem er dem lokalen Wrestling-Star mit einem Luftgewehr in die Trinkflasche schießt, nichts.

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10. Mai 2012 | In achtung berlin | Kommentare deaktiviert

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