Die Gewinner des Going Underground 2012


Treibholz oder Krokodil? Platz Neun für "Wildebeest" von Ant Blades.

Treibholz oder Krokodil? Platz Neun für "Wildebeest" von Ant Blades.

Ein Filmfestival, das etwas auf sich hält, ist nett zu seinen Gästen. Und Nettigkeiten verteilen geht in der Filmbranche am besten mit der Anmietung eines geräumigen Kinos, dem Auftreiben einer charismatischen Moderation und dem großzügigen Verteilen von Häppchen und Gratis-Drinks. Genau das hat man bei der Organisation und Durchführung der diesjährigen Going Underground-Preisverleihung bedacht, mit eingerechnet sogar ein roter Teppich vorm Eingang des Kino Babylon in Mitte. Wenn auch nur knapp drei Meter lang, aber man nennt sich ja nicht umsonst die „kleine Berlinale“. Nahezu lückenlos besetztes Kino: Check. Freigetränke-Marken für die Gäste: Check. Currywurst auf niedlichen Spießen: Check. Intro der engagierten Band: Fail! Als Picture Palace Music, eigentlich ein Filmmusik-Ensemble, in die Keyboard-Tasten haut, fliegt einem erstmal das Trommelfell weg.

„War’s euch denn laut genug?“ fragt anschließend radio eins-Moderator Robert Skuppin und grinst hämisch seinen Kollegen Volker Wieprecht an, der morgen in den Urlaub fliegt und gleich mal seine Paranoia vor Krankheitserregern kundtut. Pech für den Berliner Fenster-Chef Andreas Orth, der sich trotz „vergrippter“ Konstitution auf die Bühne schleppt und eine schwächelnde Dankesrede hüstelt. Grund genug für Wieprecht, das von Orth infizierte Mikro schnell am Sakko sauber zu schubbeln. Doch bis zur eigentlichen Preisverleihung ist es noch ein langer Weg. Lieber noch ein bisschen in Erinnerungen schwelgen und ein paar Classics auf die Leinwand projizieren, wir feiern hier ja immerhin auch zehn Jahre Festivalgeschichte. Zum Beispiel mit „Lauf“ von Philipp Fleischmann aus dem Jahre 2006, in dem ein Badegast mit Hochleistungstempo vom Strand zu einem kilometerweit entfernten Gasthaus rennt, nur um der Weg-Zeit-Angabe auf dem Schild gerecht zu werden. Kein schlechter Einstieg, schließlich dreht es sich bei diesem Festival auch darum, „Berliner zu mobilisieren“. Dabei ist der Berliner doch eigentlich mobil genug, wenn er als geplagter Richard-Kimble-auf-der-Flucht ein Drittel des Tages in öffentlichen Verkehrsmitteln rumhockt und das mit einem Gesichtsausdruck, der – Zitat Volker Wieprecht – zu sagen scheint: „Hau dir selbst inne Fresse, ick hab keene Zeit!“

Aber beim Going Underground, da hat man noch Zeit. Zeit, um außerdem noch ein paar interfilm-Beiträge vom Beamer auf die Leinwand zu schicken und Zeit für Picture Palace Music, das Tinnitus-Risiko der Gäste weiter zu steigern. Nix da Musik aus der Konserve, hier ist nämlich alles live! Nachdem der Berliner Festivalleiter Fred Kuhaupt und sein koreanischer Kooperationspartner – denn Achtung, wir feiern hier auch die Berlin-Seoul-Partnerschaft – der Bühne entstiegen sind, geht es endlich ans Eingemachte: Aus 7.600 Beiträgen gingen 20 Platzierungen hervor, wovon allerdings nur zehn gezeigt werden. Dafür ist dann wieder keine Zeit. Mist.

Zumindest wird es ab dem 9. Platz richtig knuffig, wenn zwei animierte Büffel sich in „Wildebeest“ (Ant Blades) fragen, ob das Ding da im Wasser ein großes Stück Treibholz oder doch ein Krokodil ist. Mampf mampf minus ein Büffel, Frage beantwortet. Außerdem konnten zwei deutsche Beiträge sich bis ins Top-Ten-Ranking vorkämpfen: Auf dem 7. Platz ließ Sven Wegner mit  „Treffen sich zwei“ seinen Protagonisten durch die Berliner U-Bahn tanzen und mit anderen Fahrgästen auf grenzwertige Tuchfühlung gehen, zu seinem Glück ohne aggressive Konfrontationen. „Keene Zeit“ scheint hier wirklich zu gelten. Martin Emmerling verortete seine Geschichte „Die Trainerbank“ auch lieber im öffentlichen Nahverkehr und ließ seine Hauptfigur mit großem Fußballgestus als eine Art Jogi Löw der Bushaltestellen auftreten, was ihm den 5. Platz einbrachte.

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28. September 2012 | In Going Underground

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