Berlinale 2014 – Die Filmtipps der Redaktion


"Blind": Wer das Augenlicht verliert, muss das Nichtsehen mit anderen Sinnen kompensieren. Foto: Kimm Saatvedt

„Blind“: Wer das Augenlicht verliert, muss das Nichtsehen mit anderen Sinnen kompensieren. Foto: Kimm Saatvedt

Dem Filmkritiker geht es bei so wichtigen Festivals wie der Berlinale meist nicht anders als dem „normalen“ Kinogänger. Hunderte Filme stehen zur Auswahl, keiner sollte verpasst werden. Der Fokus liegt selbstverständlich erst einmal auf den Wettbewerbsbeiträgen, da ist die Übersicht schnell hergestellt. Doch was ist mit dem Panorama? Dem Forum, der Perspektive Deutsches Kino oder der Sektion Generation? Wir haben wieder unsere Autoren gefragt und liefern hiermit eine kleine, sorgsam zusammengestellte Liste an Filmen, die nicht verpasst werden sollte – neben dem Wettbewerb, versteht sich.

PANORAMA

Blind“ von Eskil Vogt
Eine visuelle Geschichte über einen erblindeten Menschen zu erzählen, ist eine Herausforderung, die sich der norwegische Regisseur Eskil Vogt mit Erfolg zugetraut hat. Ingrid hat ihr Augenlicht verloren, was nicht nur ihren Alltag erheblich beeinträchtigt, sondern auch ihre Ehe in eine gefährliche Schieflage manövriert. Was sie allerdings nicht verloren hat, ist die Gabe einer überbordenden Vorstellungskraft, die mit der Realität des Films auf magische Weise verschmilzt. Das Resultat ist nicht nur ein Hoffnungsschimmer in einer verdunkelten Welt, sondern ein gleißender Strahl von Lebensfreude, mit dem der Film seine Zuschauer schlussendlich entlässt.
Termine: So 09.02. 20:00, CinemaxX 7 (E); Mo 10.02. 22:45, CineStar 3 (E); Di 11.02. 20:15, Cubix 8 (E); Di 11.02. 20:15, Cubix 7 (E); Fr 14.02. 22:30, CineStar 7 (E); So 16.02. 17:00, CineStar 7 (E)

Calvary“ von John Michael McDonagh
Der neue Streich von John Michael McDonagh sieht auf den ersten Blick aus wie der alte („The Guard„): irische Landschaften und Brendan Gleeson. Dieser schlüpft in die Rolle des Kleinstadtpriesters James Lavelle, der schwer für den moralischen Verfall seines Arbeitgebers – der katholischen Kirche – büßen muss. Ein Schäfchen beichtet ihm, dass es als Kind vom Pfarrer missbraucht wurde und sich im etwas schrägen Umkehrschluss nun am aktuellen Geistlichen rächen wird. Lavelle hat eine Woche, um seine Verhältnisse zu ordnen – der Anfang einer siebentägigen Tour de Force durch eine zynische und feindselige Gemeinde, der jeglicher Respekt vor der kirchlichen Autorität abhanden gekommen ist. Auch wenn „Calvary“ hin und wieder an der überambitionierten Zielsetzung John Michael McDonaghs krankt, bleibt ein spritziger Mix aus schwarzer Komödie, Whodunit, Familiendrama, bissiger Gesellschaftssatire und Kirchenkritik.
Termine: So 09.02. 19:00, Zoo Palast 1; Mo 10.02. 10:00, CinemaxX 7; Di 11.02. 14:30, Cubix 9; Fr 14.02. 21:30, Zoo Palast 1; So 16.02. 20:00, International (D)

Nuoc“ von Nguyen-Vo Nghiem-Minh
Im Jahr 2030 hat die globale Erwärmung große Teile Südvietnams überflutet. Die Menschen leben in Holzhäusern, die auf Stelzen aus dem Meer ragen. Der Mord an ihrem Ehemann Thi wirft die junge Sao aus ihrer Agonie und lässt es sie mit einem multinationalen Konzern aufnehmen, der billiges und gesundheitsschädliches Gemüse produziert. „Nuoc“ ist kein klassisches Science-Fiction-Drama und entwickelt seine Spannung vornehmlich aus einem kammerspielartigen Agieren seiner Hauptdarsteller, die Regisseur Nguyen-Vo Nghiem-Minh der schieren Endlosigkeit des Meeres gegenüberstellt.
Termine: Do 06.02. 21:00, CinemaxX 7 (E); Fr 07.02. 20:15, CineStar 3 (E); Sa 08.02. 20:15, Cubix 7 (E); Sa 08.02. 20:15, Cubix 8 (E); So 09.02. 22:30, Colosseum 1 (E); Fr 14.02. 22:00 Zoo Palast 2 (E)

Weiterlesen: Interview mit Claudia Flumenbaum, Leiterin des Berlinale Dolmetscher-Service

The Better Angels“ von A. J. Edwards
Er war die rechte Hand von Terrence Malick in dessen letzten drei Filmen. Und sein Regiedebüt zeigt deutlich seine Herkunft. „The Better Angels“ ist in schwarz-weiß gedreht und erzählt im film- und soundästhetischen Stile Malicks die Geschichte um den jungen Lincoln im Südwesten Indianas. Aufgewachsen zwischen der harten Hand des Vaters und der zarten Liebe seiner Mutter und Stiefmutter. Auch wenn die Bilder fast ein bisschen zu oft an die Kameraarbeit zu „Tree of Life“ erinnern, ist der Film sehr sehenswert und darüber hinaus mit einem herausragenden Cast besetzt, in dem sogar Diane Kruger überzeugt.
Termine: Sa 8.2. 17 :00, Cubix 9 ; Mo 10.2. 19 :00, Zoo Palast 1 ; Di 11.2. 10 :00, CinemaxX 7 ; Mi 12.2. 14:30, Cubix 9; Sa 15.2. 20:00, International

Is the Man Who is Tall Happy?“ von Michel Gondry
Wo liegt die Differenz zwischen Index und Symbol? Konstruieren wir uns die Realität durch Projektion oder sprachliche Dekodierung? Und was zum Geier hat Newtons Entdeckung okkulter Kräfte damit zu tun? Michel Gondry, der kreative Schöpfer diverser Musikvideos von Björk, den Chemical Brothers oder Daft Punk und Filmen wie „Science of Sleep“ oder „Be Kind Rewind„, weiß auf all diese Fragen auch keine Antwort. Allerdings gelingt es ihm, sein Interview mit dem weltberühmten Philosophen und Sprachtheoretiker Noam Chomsky in eine animierte Assoziationsreise umzuformen und somit nicht nur die Macht der Bilder, sondern auch deren bessere Verständlichkeit zu demonstrieren.
Termine: Sa 08.02. 17:00, International; So 09.02. 14:30, CineStar 7; Di 11.02. 14:00, International; So 16.02. 15:30, Colosseum 1

Güeros“ von Alonso Ruiz Palacios
Die Suche nach Epigmenio Cruz, dem Musiker, der Bob Dylan einst zum Weinen brachte, führt die Brüder Sombra und Tomás quer durch Mexiko City. Zuhause rausgeflogen und begleitet von Santos und Ana durchkämmen sie mit dem Auto jeden Stadtteil. Studentenproteste, von denen sie selbst gerade eine Auszeit nehmen, Gangs, dekadente Partys und viel Verkehr bestimmen das Stadtbild. Güeros ist selbstironische Coming-of-Age-Story und Roadmovie à la Jim Jarmuschs „Stranger than Paradise“. Und ganz nebenbei feiert Alonso Ruiz Palacios in seinem Film noch das Comeback von Walkman und Audiokassette.
Termine: Fr 7.2. 20:00, CinemaxX 7 (E); Sa 8.2. 22:45, CineStar 3 (E); So 9.2. 20:15, Cubix 7 + 8 (E); Mo 10.2. 22:30, Colosseum 1 (E); Fr 14.2. 17:00, International (E); So 16.2. 20:00, CineStar 7 (E)

Vulva 3.0“ von Claudia Richarz, Ulrike Zimmermann
Vor 46 Jahren thematisierte Valie Export mit ihrer „Aktionshose: Genitalpanik“ die Angst vor dem weiblichen Geschlecht und deren systemimmanente Fremdbeherrschung. Sie dauert offenbar an. Während auch heute noch in zumeist religiösen Kulturen rituelle Beschneidungen bei Frauen traditionell praktiziert werden, lassen sich auch in der westlichen Zivilisation immer mehr Frauen im buchstäblichen Wortsinn „beschneiden“. Pornoindustrie und Intimchirurgie propagieren die perfekte Vulva, ein normiertes Schönheitsideal, das keinen Raum mehr für Einzigartigkeit und Individualität lässt. Schuld sei vor allem die Unwissenheit vieler Frauen, die oft nicht die geringste Vorstellung von ihrer reizvollen Anatomie haben. Ein „möseal“ anschauliches und aufklärerisches Filmstück, denn „was ich weiß, macht mich heiß“, so ein Leitsatz im Film.
Termine: So 9.2. 15:30, Colosseum 1 (E); Di 11.2. 20:00, CineStar 7 (E); Mi 12.2. 22:30, CineStar 7 (E); Do 13.2. 14:30, CineStar 7 (E)

Land of Storms“ von Ádám Császi
Die ungarisch-deutsche Produktion von Regisseur Ádám Császi steht plötzlich im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Császi erzählt in seinem Drama die Liebesgeschichte des jungen Szabi, der Hals über Kopf seinen Job in Deutschland aufgibt und zurück nach Ungarn, in die Abgeschiedenheit der Puszta flieht. Dort entdeckt er, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Er verliebt sich. Erst in Áron, dann in Bernard. Und das rückt den Film ins Zentrum des Interesses? Nein. Ein winziges Detail ist es: Szabis Job ist es, Fußball zu spielen, weshalb sich viele offenbar an Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger erinnert fühlen, der sich kürzlich outete…
Termine: Sa 8.2. 20:00 International, So 9.2. 17:45 CineStar 3, Do 13.2. 14:30 Cubix 9

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