Zwischen Tradition und VR – das Animafest Zagreb



Es scheint auch beim Animafest, als könne es sich kein einziges Animationsfilmfestival der Welt mehr leisten, nurmehr Filme zu zeigen. Immer geht es auch darum, welche anderen interaktiven Formen der Animation möglich werden, immer geht es um die Selbstreflexion des Mediums.

Das wurde nirgends deutlicher als in der Programmsektion „Animafest Scanner III“, die einen Austausch zwischen Filmemachern und Theoretikern befördern möchte und unkonventionelle „raw“ Animation, die Zagreb Schule der Animation und die Trends sowie Animation und Games auf das Podium brachte. Gerade das letzte Panel intensivierte den Diskus jenseits des Animationsmediums, weil es sich auch mit der Virtuellen Realität auseinandersetzte und die Frage nach der Zukunft der Animation aufwarf. Der letzte Vortrag endete mit der dystopischen Prophezeiung, dass die Virtuelle Realität Animation als klassisches Kinoerlebnis obsolet machen würde. Sofort kam es zu Unruhe und Widerworten: Das wäre die Buchdruck-Diskussion in anderer Form und völlig pessimistisch gedacht. Wie so oft schien es, es als gäbe es in der Diskussion um Virtual Reality entweder nur die Technologie-Advokaten oder die Apokalyptiker.

Dafür, dass Immersion genauso gut ohne Brille funktioniert, liefert der visuell aufwändige „Psiconautas, The Forgotten Children“ von Alberto Vázquez und Pedro Rivero, eine Antiheld-Superheld-Story und eine Love-Story zugleich, ein schönes Beispiel. Wir befinden uns in einer Welt nach der atomaren Katastrophe, auf der es einerseits eine scheinbar funktionierende Gesellschaft und andererseits die Gemeinschaft der „Forgotten Children“ gibt, die im Müll leben und ihm die ewige Treue geschworen haben. Die Maus Dinky will fliehen, am liebsten mit Birdboy, ihrem schwer depressiven Exfreund, der fortwährend von seiner Vergangenheit eingeholt wird. „Psiconautas“ schafft das Unmögliche: Er liefert eine beklemmende Dystopie über das Verlorensein des Individuums im Post-Post-Zeitalter des Müllmaterialismus, über die man dennoch lachen kann, und die schlussendlich sogar einen Hoffnungsschimmer bereit hält. Das Weinen vor der großen Leinwand ist also beim Animafest ebenso möglich wie das Abtauchen in psychedelische Landschaften mit der Oculus (Piedeck Installation) – das Alte kann also doch vielleicht mit dem Neuen koexistieren. Darauf einen Rakija.

Marie Ketzscher

Das 26. Animafest Zagreb fand von 6. bis 11. Juni 2016 statt.

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15. Juni 2016 | In Allgemein

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