Hadju: "Unsere Motivation war immer die Liebe"


Regisseur Szabolcs Hadju im Interview mit Berliner Filmfestivals. Foto: Teresa Vena

Regisseur Szabolcs Hadju im Interview mit Berliner Filmfestivals. Foto: Teresa Vena

Auf dem FilmFestival Cottbus wurde “It’s not the time of my life” aus Ungarn mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Der Film zeichnet sich durch ein scharfsinniges Drehbuch und eine innovative Kameraarbeit aus. Berliner FilmfestivalsAutorin Teresa Vena hat den Regisseur Szabolcs Hadju in Cottbus zu einem Gespräch über Familie, Immigration und die künstlerische Freiheit in Ungarn getroffen.

Herr Hadju, “It’s not the time of my life” wurde in Ihrer eigenen Wohnung mit Ihren eigenen Kindern als Schauspieler gedreht. Wie viel von Ihrer eigenen Geschichte steckt im Drehbuch?
Szabolcs Hadju: Natürlich kennen wir ähnliche Gespräche aus unserem alltäglichen Leben, aber das ist eine Fiktion und keine Dokumentation, wir sind nicht diese Charaktere. Wir haben sie gespielt und haben sie aus verschiedenen Schichten zusammengesetzt. Während der Entwicklung des Theaterstücks, auf dem der Film basiert, haben wir mit einer Gruppe von Schauspielern, mit engeren und weiter entfernteren Familienmitgliedern und Freunden über alltägliche Situationen gesprochen, ähnlich wie die im Film.
Die vier Filmfiguren entstanden aus all diesen Geschichten, die aus verschiedenen Richtungen kommen. Ich könnte nicht sagen, um welchen Prozentsatz es sich handelt, aber auch Motive aus unserem Leben sind vorhanden. Was wir gemerkt haben ist, dass nachdem die Produktion abgeschlossen war, der Film auf eine seltsame Weise Einfluss auf unser Privatleben hatte… Es gibt jetzt Momente, bei denen wir die geschriebenen Dialoge aus dem Film wiedergeben, weil es uns in der Situation einfach das Beste erscheint.

Ich hatte den Eindruck, dass der Film eine Art gegenseitige Liebeserklärung ist…
Hadju: Das ist eine sehr gute Interpretation. Während des Schreibens und der Proben war es für uns ein fester Bezugspunkt, dass, egal was passieren und wie die Dinge laufen würden, wir uns immer gegenseitig Respekt erweisen müssen. Jede Motivation sollte aus einer Idee von Liebe hervorgehen – die kann auch dann existieren, wenn jemand einen anderen provoziert. Vielleicht tut man das, um Liebe aus jemandem herauszupressen. Sobald man Liebe erfährt, wird der Angriff schwächer… Obwohl im Film Konflikte inszeniert werden, spürt man keine grobe Arroganz oder schlimmen Hass. Diese Beziehungen, Figuren und Situationen haben einen offenen Schluss. Es kann passieren, dass man sich innerhalb einer Minute für die Scheidung entscheidet, aber sich zehn Minuten später eine intime Situation ergibt und der vorherige Entschluss an Gewicht verliert. Der Klang und Duktus des Schauspiels war auch von der Idee der Liebe definiert. Die Schausspieler mussten von Zeit zu Zeit daran erinnert werden.

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War es nicht schwierig, als Paar in einem persönlichen Projekt zu arbeiten? Wie wurden die verschiedenen Aufgaben aufgeteilt?
Hadju: Es war nicht schwer, denn unsere Beziehung basiert auf ähnlichen Interessen, die zu den gemeinsamen Projekten führen. Seit wir uns kennen, haben wir immer so gearbeitet, und nun sind es bereits 20 Jahre: Wir haben viele Theaterstücke, Kurzfilme und Spielfilme gemacht. Wir fügen keine privaten Probleme in unsere Arbeit und ich mag es auch nicht, wenn das andere tun. Sie dürfen höchstens in einer untergeordneten Form anwesend sein, indem man daran arbeitet, aber während der Arbeit darf die Energie nicht von Streitigkeiten aufgefressen werden. Für uns ist die gemeinsame Arbeit in Wahrheit ein Segen.

Die Rollen werden logisch aufgeteilt, in diesem besonderen Fall hatten beide von uns mehr Aufgaben als sonst. Neben der Regie, habe ich auch gespielt, und ich habe auch viel an der Bildfindung gearbeitet. Die Kameraleute waren meine Studenten, also übernahm ich auch die Rolle des Lehrers, zusätzlich war ich Ehemann und der Gastgeber des Drehortes. Orsolya war die Hauptdarstellerin, die Mutter unserer Kinder, auch die Gastgeberin, die Verantwortliche für das Catering und die Ehefrau des Regisseurs.

Das Drehbuch ist dicht und wunderbar selbstreflektiert. Wie haben Sie es entwickelt?
Hadju: Zu Beginn war es ein Theaterstück, das als Gespräch zwischen den Schauspielern begann. Auf die Verfeinerung der Charaktere folgte das Schreiben und das Austesten verschiedener Situationen. Es ging nie darum die Geschichte mit besonderen Tücken auszustatten, sondern sie möglichst nahe am wirklichen Leben zu gestalten. Da wir das Schreiben und Proben gleichzeitig gemacht haben, konnte ich am Abend eine Szene schreiben und wir haben sie am nächsten Tag gleich getestet. Das funktionierte in neun von zehn Fällen. So war das Drehbuch innerhalb von zwei bis drei Wochen fertig und die Dialoge im Film bleiben denen im ursprünglichen Theaterstück weitgehend treu.

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22. November 2016 | In FilmFestival Cottbus | Kommentare deaktiviert

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