BFF on the Road: Im Kurzfilm pulsiert das Animafest


"The Girl Without Hands" überzeugte in Zagbren beim Animafest. Foto: Sebastien Laudenbach

“The Girl Without Hands” überzeugte in Zagreb beim Animafest. Foto: Sébastien Laudenbach

Auch der Langfilm darf in Zagreb Kurzfilm sein

Die starke Präsenz des Kurzfilms, der seine Kraft aus der Konzentration und Auslassung gewinnt, war sogar im Langfilmwettbewerb des Animafests spürbar. So waren mit Michaël Dudok de Wit (dessen “Father and Daughter” nach wie vor zu den anrührendsten Familiengeschichten überhaupt gehört – und dessen “The Red Turtle” als bester Feature Film ausgezeichnet wurde) und Bill Plympton (“Guard Dog” ist eine zähnefletschende, sabbernde Hommage an das Hunde-Dasein) nicht nur zwei Regisseure vertreten, die die Animationswelt mit ihren Kurzfilmen nachhaltig geprägt haben, sondern auch der wunderschön langsame “Louise en hiver” von Jean-François Laguionie. Wie erzählt man ein Leben, das sich dem Ende zuneigt? Anstatt der Versuchung der Aneinanderreihung biografischer Stationen und des Pathos zu erliegen, die leider oft den Langfilm auszeichnen, inszeniert Laguionie bedächtig, ohne Eile. Seine Louise hat in einem Feriendorf den letzten Zug verpasst und muss nun die Zeit füllen. Sie füllt sich wie von selbst – durch alltägliche Handgriffe, durch die Erinnerung an einen Fallschirmspringer aus dem Zweiten Weltkrieg, der zwischen den Ästen hängt und Louises Gesprächspartner ist, durch einen Hunde-Kameraden. Das Leben ist auch Leere zwischen den Erinnerungen, und nicht nur die Auserzählung der Ereignisse.

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Die Fülle der Ereignisse – man müsste meinen, dass sich Sébastien Laudenbachs “Girl Without Hands” als Adaption des Grimmschen Märchens unmöglich vor ihnen retten könnte. Und doch: Laudenbach schafft eine Neuinterpretation der tragischen Geschichte um das Müllersmädchen, dem der eigene Vater die Hände abschlägt, um die im Pakt mit dem Teufel gewonnen Schätze zu erhalten. Das liegt vor allem daran, dass er den Film komplett allein gezeichnet hat und sein flüchtiger Pinselstrich eine unglaubliche, erzählerische Freiheit ermöglicht, die das Grimmsche Geschöpf vom hörigen Kinde zum sexuellen Wesen und schließlich zur emanzipierten Frau werden lässt. Und wenn der Prinz das Kleid hebt und mit dem Kopf darunter verschwindet, das Mädchen entdeckt, dass ihre Brüste Milch geben oder sie mit dem Kind im Gras ihre Notdurft verrichtet, ist das nie ordinär, sondern immer ein Zeichen der Menschlichkeit, die neben der Fehlbarkeit auch den Zufall und die Veränderung zulässt – das Gegenteil der deterministischen, Grimmschen Schicksalswelt.

Marie Ketzscher

Das 27. Animafest fand von 5. bis 10. Juni 2017 in Zagreb statt.

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15. Juni 2017 | In Sonstiges | Kommentare deaktiviert

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