Grisebach: "Meine Authentizität ist erarbeitet"


WESTERN_PLAKATIhr Hauptdarsteller Meinhard Neumann spielt die Hauptrolle beinahe wie ein klassischer Italo-Western-Held. Was musste er für die Rolle mitbringen? Und was konnten Sie mit ihm entwickeln?
Er ist wie eine Western-Ikone, die aus einem Western der 40er- oder 50er-Jahre raus und in meinen Film hinein gelaufen ist. Ich wollte immer eine elegante Person, auf die man ganz viel projizieren kann, wie Anführerschaft und Können. Gleichzeitig sollte er den Opportunisten in sich tragen, den kleinen Mann. Der hat mich in der Literatur schon immer interessiert. Die, die vom Heldentod träumen, denen aber etwas dazwischen kommt und plötzlich als Feigling da stehen. Meinhard Neumann brachte diese Überhöhung mit seiner Erscheinung mit.
Reinhard Wetrek, der den Vincent spielt, bringt ganz andere Sachen mit. Der war früher Fußballprofi, für ihn war das eher choreografisch, er hatte ein Gefühl für Posen und das Körperliche. Ihn führte ich eher wie einen Tänzer durch den Stoff. Mit ihm sprach ich mehr über psychologische Vorgänge als mit Meinhard. Der bremste mich immer und bat mich, ihn zu überraschen. Jeder Darsteller hat unterschiedliche Bedürfnisse.

Männergruppen sind oft sehr archaische Gebilde. Eine Qualität von “Western” ist, wie er dies einfängt. Er zeigt, wie in dieser Gruppe zivilisatorische Grenzen fallen, die sonst durch die Anwesenheit von Frauen erhalten bleiben. Wo haben Sie das beobachtet?
Mich hat dieser geschlossene Männerkosmos interessiert. Die abwesenden Frauen sind in deren Fantasie anwesend. Über die wird gesprochen. Einer verkleidet sich als Frau. Mich hat interessiert, welche Männlichkeit da in der Gruppe entsteht und wie der Einzelne sein muss, um dort richtig zu sein. Mich berührt schon immer diese Zärtlichkeit und Intimität unter Männern. Die erzählen sich Dinge, die sie mit der Frau vielleicht nicht teilen. Ich will nichts Schlechtes über die Männerwelt erzählen. Es ist meine Fantasie einer solchen Männergruppe, die eine Dynamik bezüglich Meinhard entwickelt. Mich interessiert, wie muss er sich bewegen, um Teil davon zu sein und wo setzt er sich davon ab, um den eigenen Weg zu finden.

Zwischen “Sehnsucht” (2006) und “Western” liegen elf Jahre. Was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?
Ich habe eine Tochter bekommen, unterrichtet und auch dramaturgisch beraten. Über einen Western nachgedacht. Ich finde das Leben zwischen den Filmen auch sehr schön. Ich weiß, wenn ich einen Film drehe, verschluckt mich der. Ich bereite mich sehr intensiv vor.

Wie sehen Sie die eigenen Filme heute?
Ich hege ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu meinen alten Filmen. Jeder Film hat ein Eigenleben, der ist dann irgendwann so wie er ist.

Hat dieser Zeitraum den Blick auf das eigene Schaffen verändert?
Ich habe die elf Jahre dazwischen schon bemerkt und in der Zeit auch Erfahrungen gesammelt. Ich habe sehr viel an der DFFB und auch andernorts unterrichtet, das war gut für mich. Ich bin zwar kein klassischer Einzelgänger, aber vielleicht Kontrollfreak. Kooperation zu lernen, auch von den Studenten, war hilfreich. Auch Erfahrungswerte spielen eine Rolle. Auch ohne Filme zu machen, verändert man sich in elf Jahren als Regisseurin. Ich finde interessant, wie sich Ästhetik und Bildsprache entwickeln, wie diese Authentizität durch die Spielweise entsteht und wie man das zusammenbringt.
Diese Recherchezeit ist die schönste für mich, in der ist man schon fast militärisch in einer Einheit unterwegs. Diese Einheiten muss ich dann später verbinden.

Als Dozentin kennen Sie den Filmnachwuchs. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des deutschen Films?
Positiv. Interessant ist, dass die Fragestellung immer wieder auftaucht. Der deutsche Film wird im Ausland wahrgenommen. Dieser nationale Blick entsteht durch die Förderungen. In den Filmhochschulen nehme ich sehr viele interessante Filmemacher wahr. Ich finde diese deutschen “Filmklubs” eher befremdlich. Da wird versucht, Personen zu sortieren und sich abzugrenzen. Ich sehe sehr unterschiedliche Filme, die eher Anlass zu Selbstbewusstsein sein sollten, als sich kritisch zu beäugen.

Die Fragen stellte Denis Demmerle.

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26. August 2017 | In Sonstiges | Kommentare deaktiviert

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