60. DOK: Georgische Zerrissenheit und animierter Ausnahmezustand


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Der Bildschirm wird schwarz, dann gibt es einen harten Cut. “You didn’t film anything pretty.” Die Lokaljournalistin Dariko und ihr Cutter zupfen sich defensiv an ihren Kleidern herum und schauen zu Boden, wenn sie nicht sprechen – ihr Vorwurf an die Regisseurin Salomé Jashi: Sie habe sie hinters Licht geführt, nicht das Richtige gefilmt, das Team in Bedrängnis gebracht. Es ist eine unerwartete filmische Wendung in “The Dazzling Light of Sunset“, schließlich haben die beiden das Publikum gerade fast anderthalb Stunden mit dem Alltag ihrer zweiköpfigen Redaktion vertraut gemacht: Die größte Eule im Dorf, die Talent- und Modenschau, in der 12-Jährige wie Küken auf Stelzen über den Laufsteg stolzieren und irre aufgebahrte Opferlämmer beim Hochzeitsmahl – und jetzt wird das Gezeigte unmittelbar in Zweifel gezogen. Und das, obgleich das Sammelsurium an lokalen und regionalen Ereignissen mitnichten lächerlich wirkte, im Gegenteil: Neben der Erkenntnis, dass eben jeder Mikrokosmos für den Bewohner eine ganze Welt darstellt, gab es in den Bildern auch ein Land zwischen Tradition und Moderne zu entdecken. Aber dazwischen wurden eben auch soziale Gegensätze und große Armut spürbar. Der scheinbar im Nachgang durch die Intervention der Behörden entstandene Zwist zwischen Regisseurin und Protagonisten – aus deren Reaktion Angst und Panik spricht – den Jashi so unglücklich mit ihrem Epilog gelöst hat, hinterlässt daher einen bitteren Nachgeschmack. Wenn sich das aufgeklärte, postpostmoderne Publikum schon von seinem Authentizitätsanspruch gelöst hat, eines wünscht es sich, wenn es einen Dokumentarfilm schaut: Dass derjenige, der da im dokumentarischen Zoom steht, sich seines möglichen Fremdbildes bewusst ist, dass er sich nicht vorgeführt fühlt.

The Dazzling Light of Sunset” war einer der 13 Beiträge, die in diesem Jahr im Länderschwerpunkt Georgien zur 60. Jubiläumsausgabe der DOK Leipzig gezeigt wurden. Die DOK, die 2017 neben den Wettbewerbsprogrammen für den Dokumentar- und den Animationsfilm auch Retrospektiven und Themenschwerpunkte fokussierte und sein Programm um innovative, interaktive Formate im DOK Neuland ergänzte, wurde von insgesamt 45.000 Leipzigern und internationalen Gästen besucht. Mit ihrem Länderschwerpunkt auf Georgien wandte sich die DOK einer dynamischen Kulturszene zu, die historisch von der geografischen Lage des Landes an der Grenze zwischen Europa und Asien sowie der zunehmenden Öffnung des Landes (georgische Bürger können seit dem Frühjahr 2017 ohne Visum in die EU einreisen) und der Sowjet-Vergangenheit geprägt ist. Nach Ende der DOK Leipzig reißt dieser Trend nicht ab: Im nächsten Jahr ist Georgien Gastland bei der Frankfurter Buchmesse.

"When the Earth Seems to be Light" zeigt eine Gruppe junger Skater. (c) Salome Machaidze, Tamuna Karumidze & David Meshki

“When the Earth Seems to be Light” zeigt eine Gruppe junger Skater. (c) Salome Machaidze, Tamuna Karumidze & David Meshki

Während “The Dazzling Light of Sunset” nach den repräsentativen Momenten suchte, näherten sich “Madonna” und “When the Earth Seems to Be Light” ihren spezifischen Protagonisten eher biografisch an. Nina Goguas “Madonna” (2014) fängt den Alltag von Madonna ein, der bisher einzigen Busfahrerin in Tiflis. Unaufgeregt bleibt Goguas Team dabei, wenn Madonna ihren Bus durch Staus lenkt und an der Endstation ein Nickerchen macht, wenn sie sich dem Streik der Busfahrer, die 12-Stunden-Schichten schieben und dazu noch mies bezahlt werden, anschließt. Aber es dokumentiert auch das Private, das ebenfalls von ewiger Arbeit am Eigenheim sowie der Pflege der eigenen Mutter dominiert wird. Der Film erzählt dabei sensibel von Madonnas Selbstbehauptung in einer stark patriarchalisch organisierten Gesellschaft. “Madonna ist im falschen Körper geboren, sie hätte eigentlich ein Mann werden sollen” – dieser Satz wird oft über sie oder zu ihr gesagt: Ständig werden so rollenspezifische Zuweisungen und Fremdidentifikationen an sie herangetragen. Wie soll man sich so als vollwertiger Mensch fühlen oder eben als Frau?
Es ist das große Verdienst des Films, das er Madonnas Berufswahl auch im Angesicht dieser bedrückenden Rückschläge als Befreiung zeigt. Das wird vor allem in der Darstellung der anderen Frauen fühlbar, zum Beispiel, als Madonnas schwatzende Hausfrauen-Nachbarinnen darüber sprechen, was sie kochen werden und ein Gericht nach dem nächsten aufzählen. Gegensätzlicher könnten die Lebensmodelle nicht sein, schließlich ist Madonnas ganzer Alltag davon geprägt, dass sie mittendrin und mit dabei ist – der Alltag ihrer Nachbarinnen findet hingegen hinter verschlossenen Türen statt, am Rande jeden Diskurses, als repetitives Hamsterrad.

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20. November 2017 | In Sonstiges | Keine Kommentare »

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