Petzold: "Das Kino ist doch ein Ort, wo man das Sehen wieder lernt"


Christian Petzold tritt mit "Transit" und den Shooting Stars Paula Beer und Franz Rogowski im Wettbewerb der Berlinale an. © Schramm Film / Christian Schulz

Christian Petzold tritt mit “Transit” und den Shooting Stars Paula Beer und Franz Rogowski im Wettbewerb der Berlinale an. © Schramm Film / Christian Schulz

Wie kamen Sie zur Besetzung?
Beim Schreiben hatte ich für diese Rollen keinen Schauspieler mit Anfang oder Mitte Zwanzig im Kopf. Weder Marie noch Georg. Es ist ein Entwicklungsroman, die müssen erst noch erwachsen werden. Ich stellte mir zwei Fotos beim Schreiben hin. Man muss beim Schreiben eine Person vor sich haben, die ist etwas eigenes und auch widerständig. In die kann ich nicht alles hineininterpretieren. Die kann ich nicht alles sagen lassen. Ich wählte Fotos von Jean-Paul Belmondo und Jeanne Moreau. Belmondo wegen “Außer Atem“, weil er da auch ein Luftikus und Tagedieb ist wie Georg bei Anna Seghers. Marie, die Suchende, war wie Jeanne Moreau in “Fahrstuhl zum Schafott“, die durch die Nacht zieht und Abblendlichtern entgegenflüstert: “Wo bist du?” Sie sucht ja auch ihren Freund. Dann traf ich Francoise Ozon wegen seiner deutschen Dialoge bei “Frantz” und verbrachte den Nachmittag mit ihm. Er fragte mich, ob ich Paula Beer, die Schauspielerin aus seinem Cast, kenne und ich hatte nie etwas von ihr gehört.

Franz Rogowski ist derzeit in aller Munde. Wie kam es, dass er die Hauptfigur verkörpert?
Ich sah “Love Steaks” und sah diese Hände von Rogowski. Das sind ja Hände! Hände, die etwas berühren können, die sinnlich sind. Das ist kein deutsches 20:15-Gesicht, das ist ein ganzer Körper, das ist ein Tanz. Beide können Blicken und Gehen! Klassische Dinge, die etwas verloren gehen, wenn man zu lange auf Schauspielschulen bist und die man wieder erlernen muss. Gehen, Blicken, Greifen und Berühren muss man können. Ich traf die beiden und beide waren im Gespräch so unheimlich intelligent, anmutig intelligent, dass ich innerhalb weniger Minuten Verträge machen wollte.

Was haben für Sie Liebe und Flucht gemeinsam?
Ich glaube, dass Liebe eine Möglichkeit ist, dem Gespenster-Dasein zu entkommen. Als Jugendlicher musste ich mal “Die neuen Leiden des jungen W” lesen und mochte das Buch sehr. Darin gingen die jungen Menschen nach dem Hauptschulabschluss in die Lehre, das können wir uns gar nicht vorstellen. In der DDR fuhren die mit 15 in die Fabrik ein, da ist die Jugend vorbei. Das sind acht Stunden Dunkelheit, Schwärze, Lautstärke, Hässlichkeit. Fabrikmauern, die aussehen wie Gefängnismauern und jeden Tag gehen die jungen Kerle an der Pförtnerloge vorbei und sehen dort diese junge Frau, die die Stempelkarten bedient. Die junge Frau wird zur Göttin, die alle mit in die Dunkelheit nehmen und sich vorstellen, wie es wäre, mit ihr in eine Welt der Innigkeit, Leidenschaft und Liebe zu gehen. Diese Imagination rettet den Tag.
Aus der Flucht ist Liebe nur schwer zu bewerkstelligen, weil das bedeutet, man muss loyal sein, verantwortungsbewusst sein und gleichzeitig ist es die einzige Chance, die Flucht zu überstehen, wenn man sich liebt.

Wenn Heimat durch Heimatlosigkeit ersetzt wird, bleibt dann nur die Flucht?
Erstmal muss man fragen, was für eine Heimat? Das Wort Heimat gibt es in anderen Ländern nicht. Da ist “home” gemeint, das Zuhause. Das Zuhause ist etwas anderes als Heimat. Das Zuhause ist etwas, was wir verloren haben. Bei Ernst Bloch heißt es, “Heimat ist der Ort, an dem wir noch nie gewesen sind”. Das Zuhause bedeutet behütet sein, sich auskennen, Menschen um sich herum zu haben, denen man vertrauen kann. Das haben alle Flüchtigen verloren. Die Leute, die ein Heimatministerium gründen, die wollen, dass der Zaun vor ihrem Reihenhaus nicht überschritten wird. Das ist kein Zuhause, das sind Gefechte, um niemanden auf sein Territorium zu lassen.

Wie beurteilen Sie die Gründung eines Heimatministeriums?
Das ist Quatsch.

Ist das ein Symbol eines deutschen Protektionismus?
Das ist wie die Maut ein klassisches CSU-Thema, mit dem die die ganz Blöden aus dem Bierzelt an die Wahlurne treiben. Ich hatte früher Heimatkunde in der Schule, das ist etwas ganz anderes, da sind wir rumgegangen und haben uns gefragt, warum die Bleichstraße Bleichstraße heißt. Das fragt man sich mit sieben nicht. Da erfuhr man, dass dort früher die Wäsche nach dem Waschen ausgelegt wurde und durch die Sonne gebleicht wurde. Das ist Heimatkunde und nicht, wie ich meinen Vorgarten so bewaffne, dass der Araber den nicht betritt.

Die Fragen stellte Denis Demmerle.

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