Locarno 2018: "Den Mensch in den Mittelpunkt rücken" (Carlo Chatrian)


Nach Ende der 71. Ausgabe des Festival in Locarno lassen sich die (bewegten) Bilder der vergangenen elf Tage endlich mit einem kühleren Kopf Revue passieren. Eine fast unmenschliche Hitze hatte auch das kleine Schweizer Städtchen am Lago Maggiore fest im Griff, obwohl Gewitter pünktlich zu den Freiluftvorführungen, dem Kernstück und Aushängeschild des Festivals, allabendlich regelmäßig für Verdruss sorgten. Die Piazza fasst Raum für 8.000 Besucher, eine Zahl, die nicht gänzlich erreicht wurde, aber durchschnittlich lag man bei 6.000 verkauften Karten. Ein stolzer Andrang an Menschen, die bei Regen mit Bussen in eine dafür vorgesehene Mehrzweckhalle übersiedeln mussten. Zudem gab es Regenmäntel zu kaufen, das Öffnen von Regenschirmen ist verboten.

Locarno stand in diesem Jahr unter beispielloser internationaler Aufmerksamkeit. Grund dafür ist die Berufung seines künstlerischen Direktors Carlo Chatrian (französisch ausgesprochen, „Schatrian“) an die Berlinale. Diese Neuigkeit habe die Dynamik innerhalb des Festivals etwas durcheinander gebracht, meinte man zur Begründung offensichtlicher Organisationsdefizite.
Inwiefern dies tatsächlich einen Einfluss gehabt habe auf das veraltete und unpraktikable Kartenbuchungssystem – die Karten können vor Ort erst eine halbe Stunde vor Vorführungsbeginn gekauft werden, weil der Computer sonst immer noch den Titel des vorangehenden Films speichert und nur Karten dafür ausdrucken kann (!) – oder die mangelhafte Abdeckung mit Wifi-Zugängen, wäre interessant zu erfahren.
Chatrian selbst hat sich das ganze Festival hindurch als sympathische, bescheidene und engagierte Person gezeigt. Er besitzt eine ruhige, sachliche und daher wohltuende Art. Bei den meisten Erstaufführungen der Filme war er selbst anwesend und stellte die jeweiligen Gäste vor, seinem Gegenüber begegnet er spürbar respektvoll. Über seinen Filmgeschmack lässt sich allerdings streiten – und so soll es wohl auch sein.

Das Durchhalten bis zum Ende des Festivals hat sich bezahlt gemacht, seine filmischen Höhepunkte erlebte Locarno eindeutig zum Schluss. Das Programm teilt sich in elf Sektionen auf, wovon eine dem internationalen Wettbewerb gewidmet ist. Die Piazza Grande, wie erwähnt, prestigeträchtigster Teil der Veranstaltung, sah 18 aktuelle und ältere Filme vor. Mit dem ältesten, „Liberty“ (1929) von Leo McCarey, eröffnete das Festival. Der 23 Minuten lange Kurzfilm, in dem Laurel und Hardy in schwindelerregender Höhe auf einem Baugerüst eines Hochhauses herumturnen, gehört mit Sicherheit zu den Klassikern der Filmgeschichte. Weniger eingeprägt hat sich dagegen der Name des Regisseurs. Genau dieser McCarey, dem das Festival nun eine umfangreiche Retrospektive widmete. Aktiv war er über eine lange Periode, ab Ende der 1920er bis Anfang 1960er Jahre, und arbeitete wiederholt mit eben Laurel und Hardy, aber auch mit den Marx-Brüdern. McCarey hat vor allem Liebeskomödien, gerne mit Cary Grant, also Screwball-Comedies inszeniert. Davon liessen sich in Locarno mehrere Beispiele (wieder-)sehen und bewundern.

Humor war in Anbetracht des gesamten Programms darüber hinaus eher spärlich gesät. Die Filme, die auf der Piazza Grande liefen, entsprechen einer Mischung aus publikumsgängigeren und neueren Filmen. Bei Einbruch der Dunkelheit werden zwei Filme nach einander präsentiert, was dem Publikum einiges an Geduld im Ausharren auf den Plastikstühlen abverlangt. Unter den prominenten Gästen waren Spike Lee mit seinem neuen Film „BlacKkKlansman„, der nach der Autobiografie des ersten afro-amerikanischen Polizisten in den USA entstand, Ethan Hawke, dem ein Excellence Award überreicht wurde, und der bei dieser Gelegenheit seine zweite Regiearbeit „Blaze„, eine Musikerbiografie, präsentierte sowie Bruno Dumont, dem der Pardo d’onore Manor überreicht wurde. Der Franzose zeigte vier Episoden seiner Coming-of-age-Serie „Coincoin et les z’inhumains“, die als Nachfolge von „Kindkind“ (2014) und in gewohnter überdrehter, absurder und klamaukartigen Form konzipiert sind.

Ein Schweizer Film Produktion sowie zwei Co-Produktionen zwischen der Schweiz und Italien waren in der Auswahl als heimische Vertreter. Alle drei leider eher schwach. Das Beziehungs- und Sozialdrama „Le vent tourne“ („Der Wind dreht sich„) der Regisseurin (eine von fünf vertretenen Frauen der Sektion) Bettina Oberli, Autorin des bisher zweiterfolgreichsten Films der Schweizer Filmgeschichte (ca. 600.000 Zuschauer) „Die Herbstzeitlosen“ (2006), hat nichts Unvorhersehbares. Die Charakterzeichnung ist flach, die schauspielerische Leistung wenig überzeugend und die Geschichte unnötig in die Länge gezogen. Selbst der Kurzauftritt des Schweizer Schriftstellers Pedro Lenz (Autor des Romans „Der Goalie bin ich„, der von Sabine Boss 2014 verfilmt wurde und den Schweizer Filmpreis gewann) als Hippie und Tierguru kann dem Film seine Zähheit nicht nehmen.

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14. August 2018 | In Allgemein

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