Locarno 2018: "Den Mensch in den Mittelpunkt rücken" (Carlo Chatrian)


Der Pardi d’oro ging an „A Land Imagined“ von Siew Hua Yeo aus Singapur. Foto: Locarno Festival 2018


Im Programm fällt eine Tendenz zu langen Filmen auf. In allen Sektionen überschritt eine Vielzahl der Filme die Marke der zwei Stunden. Im offiziellen internationalen Wettbewerb befanden sich 15 Filme, vier davon sind zwischen 110 und 130 Minuten lang, sechs weitere überschritten die 100 Minuten und einer zählte ganze 808 Minuten.
Letzterer, „La Flor“ von Mariano Llinás, sorgte für Aufsehen. In acht Teilen zu „normaler“ Filmlänge oder in drei Teilen von 206, 342 und 320 Minuten an unterschiedlichen Tagen war es möglich, in ein surrealistisches und originelles Universum voller Humor, Unerwartetem und hervorragenden Schauspiels einzutauchen. Doch von einem einzigen Film kann kaum gesprochen werden. Dafür sind die einzelnen „Episoden“, trotz erkennbarer übergreifender Handschrift, zu verschieden. Aus rein terminlichen Gründen war es Fachbesucher, die den ganzen Wettbewerb zu begutachten hatten, praktisch unmöglich, den Film in seiner Gänze zu sehen. (Hier mangelte es leider erneut an der organisatorischen Kompetenz des Festivals, gezielt Sondervorführungen und -sichtungen zur Verfügung zu stellen.) Doch was man sah, war hervorragend, erfrischend und gehörte zum Besten aus dem ganzen Programm. Vier Schauspielerinnen stehen in „La Flor“ im Zentrum, sie übernehmen immer wieder neue Rollen in wechselnden Geschichten, die alle in anderer Form inszeniert sind. So ergibt sich eine Reise durch die Filmgenres. Geschickt bekommt der Zuschauer nur Anfänge, Mittelstücke oder Endteile von Erzählungen präsentiert, er saugt förmlich jede Minute mit Lust auf eine Fortsetzung auf.
Es bleibt zu hoffen, dass der Film einen deutschen Verleih findet. Diesen Film in den Wettbewerb des Festival zu integrieren, war zum einen eine schwere Aufgabe, aber eigentlich auch nicht, denn mit dieser Entscheidung erzielte es eine Aufmerksamkeit sondergleichen. Die Marketingstrategie war also erfolgreich. Der Film erhielt mehrere Lobende Erwähnungen der Unabhängigen Jurys, die Hauptpreise gingen aber alle an andere Beiträge.

Das Rennen machte „A Land Imagined“ von Siew Hua Yeo aus Singapur. In einer surrealistischen, traumartigen Inszenierung erzählt einer der drei asiatischen Filme im Wettbewerb von den Bedingungen der Arbeitsimmigration aus Sri Lanka, Bangladesh, China und Malaysia in Singapur. Der Stadtstaat benötigt insbesondere für die aufwendige und anstrengende Landgewinnung und Ausweitung des Staatsgebietes mit importiertem Sand günstige Arbeitskräfte. Massenlager, keine Unfall- oder Krankenversicherung, Schulden beim Arbeitgeber für Arbeitsausrüstung und schließlich physische und soziale Ghettoisierung bestimmen das Bild.

A Land Imagined“ überzeugt durch eine homogene formale Gestaltung, die Bildfindung ist sehr kunstvoll, spielt mit Lichtreflexionen und konzentriert sich auf Aufnahmen in der Dunkelheit. Regisseur Yeo entfaltet eine suggestive Kraft und fordert den Zuschauer durch eine diskontinuierliche Darstellung von Zeit und Raum.

Manche Stimmen erwähnten – offenbar sichtlich irritiert – dass mit „A Land Imagined„, auch in diesem Jahr, die (Leo-)Parden prominent nach Asien gingen. Tatsächlich gibt es in Locarno eine gewisse Tendenz dazu, über die Hälfte der Pardi d’oro in der Geschichte des Festivals gingen in diesen Weltteil. „A Land Imagined“ ist der erste Film aus Singapur, der in Locarno gezeigt und nun auch prämiert wurde. In diesem Jahr war der Jurypräsident zudem Jia Zhang-ke aus China, dessen Filme eindeutig eine Verwandtschaft mit dem Gewinner aufweisen.

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14. August 2018 | In Allgemein

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