Locarno 2018: "Den Mensch in den Mittelpunkt rücken" (Carlo Chatrian)



Es sind die Dokumentationen, die die Ehre des aktuellen Schweizer Filmschaffens in Locarno retten. Es ist nicht unbekannt, dass gerade diese schon immer die Stärke Schweizer Autoren waren. Von 91 Filmen, die 2017 in der Schweiz produziert wurden, waren 65 Dokumentarfilme. Neben „Les dames“ konnte auch „Insulaire“ von Stéphane Goël überzeugen, der von einem Schweizer Abenteurer erzählt, der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Chile zog und dort auf der Isla Robinson Crusoe eine autarke Gemeinschaft von Aussteigern gründete. Auf der Insel wohnen noch heute Menschen, die dort ausharren, obwohl das zwar paradiesisch anmutende Erdstück inmitten des Ozeans eigentlich unwirtlich ist. Zuletzt zerstörte 2010 ein Tsunami alle Behausungen.

Auch haben dieses Jahr die französischsprachigen Schweizer Filme gegenüber den deutschsprachigen mit Abstand das Rennen gemacht. In der Sektion „Cineasti del presente“ (Filmemacher der Gegenwart) fiel das Drama „Ceux qui travaillent“ („Die, die arbeiten„) von Antoine Russbach auf. Das Spielfilmdebüt könnte aktueller nicht sein, und gleichzeitig ist es zeitlos. Ein strenger Familienvater arbeitet für ein Schiffshandelsunternehmen. Er koordiniert Warenladungen aus allen Richtungen der Welt nach Europa. Als sich bei einem Transport ein blinder Passagier afrikanischer Herkunft an Bord versteckt, trifft er eine folgenschwere, äußerst amoralische Entscheidung. Diese kostet ihm die Stelle.
Er fällt in eine Krise, versucht aber, mit allen Mitteln den Schein zu wahren. Der Film entwickelt sich zur Kritik an unserer Konsumgesellschaft, die weitgehend ausblendet, welche Dynamiken hinter der Versorgung mit Luxusgütern stehen und welche Kreise marktorientierte Entscheidungen auf der einen Erdhälfte auf der anderen ziehen können. Auch wenn einzelne Entwicklungen voraussehbar scheinen, schaffte es der Film mit einem Protagonisten, der einen sowohl abstösst als auch fasziniert, meisterhaft von Olivier Gourmet interpretiert, dem Zuschauer den Spiegel vorzuhalten und mit einem bitteren Beigeschmack zurückzulassen.

Weiterlesen: Unsere Kritik zu „Saint-Amour“ von Delépine/Kervern, der 2017 an der Berlinale lief.

Die filmische Ausbeute des 2018er Festivals von Locarno kann sich sehen lassen, was eine gute Entscheidung von Carlo Chatrian abrundet, der den letzten Abend mit dem neuesten Streich des Zweigespanns aus Belgien, Benoît Delépine und Gustave Kervern, „I Feel Good“ ausklingen ließ. Die Gesellschaftsparodie mit Jean Dujardin („The Artist„) als Möchtegern-Millionär, der eine Geschäftsidee nach der anderen raushaut und dessen primäres Ziel es ist, andere für sich arbeiten zu lassen, sorgt für den titelgebenden Feelgood-Faktor.

Teresa Vena

Die 71. Ausgabe des Festivals von Locarno fand vom 1. bis 11. August 2018 statt.

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14. August 2018 | In Allgemein

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