Jedicke: "Wir finden über die Kunst die Privatperson"


„Shut Up and Play the Piano“-Regisseur Philipp Jedicke. Foto: Bartosz Mrozowski

Mit seinem Debüt erfüllt sich Regisseur Philipp Jedicke einen Traum, er dreht eine Doku über den Musiker und Entertainer Chilly Gonzales! Im Interview erklärt er, wie eine Vorgabe des Künstlers ein völlig neues Konzept erforderte und Sibylle Berg in den Film kamen und er klärt über das Verhältnis von Gonzales zu Feist auf.

Wie haben Sie Ihren Protagonisten Chilly Gonzales kennengelernt?
Philipp Jedicke:
Ich bin Journalist und habe ihn für die Kulturredaktion der Deutschen Welle interviewt. Ich wusste, dass er in Köln wohnt und wollte ihn immer mal interviewen, damals ging es um sein Piano-Lehrbuch „Re-Introduction Etudes„. Es waren nur einige Minuten vorgesehen, aber wir unterhielten uns über eine Stunde lang über Gott und die Welt, über kulturelle Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland und auch über Kanada, wo ich selbst ein Jahr gelebt habe. Ich hatte so ein Gefühl dafür, wo er herkommt. Ich spürte einen inneren Drang, ihn zu fragen, ob ich einen Film über ihn machen darf. Ein Musik-Dokumentarfilm war immer mein Traum. Er hat direkt ja gesagt – das ist meine Version. In seiner hat er zwar ja gesagt, die Zusage aber am nächsten Tag wieder vergessen.

War Ihnen damals bewusst, wie die Figur Chilly Gonzales und der Mensch Jason Beck koexistieren?
Aufgrund seines Outputs vermutete ich, dass die Bühnen-Persona weiter von seinem privaten Charakter entfernt ist. Ich war überrascht, wie viel seine Raps über ihn erzählen. Vor allem auf dem Album „The Unspeakable Chilly Gonzales„, auf dem sich auch „Shut Up and Play the Piano“ befindet, nachdem der Film benannt ist. Darauf finden sich so viele persönliche Texte, die seine Unsicherheit darüber thematisieren, wie er bei Leuten ankommt. Das ist ihm total wichtig. Er braucht dieses Feedback, braucht live diese Lacher. Mir fällt kein anderer Künstler ein, der selbstreflexiv über die eigene Unsicherheit rappt.

Wie nah kommt man an ihn ran?
Anfangs beging ich einen Denkfehler: Als Journalist gilt es neutral zu sein und eine objektive Perspektive einzunehmen. Als Filmemacher lernte ich sehr schnell, dass ich für mein filmisches Portrait der Person auf ganz andere Art sehr nahe kommen muss. Anfangs versuchte ich die private Ebene außen vor zu lassen, getreu der Idee, sich nicht mit seinem Subjekt gemein zu machen. Aber erst als wir uns anfreundeten entwickelte der Film die richtige Dynamik. Inzwischen sind wir dicke Freunde und treffen uns privat.

War nicht vor Beginn der Dreharbeiten seine Auflage, nichts Privates zu verwenden?
Ganz genau.

Wie verzweifelt waren Sie als er das sagte?
Ich fragte mich, wie ich den Dokumentarfilm machen soll, wenn nicht den ganzen Tag die Kamera mitlaufen kann. Das ist doch Sinn und Zweck. Die meisten Dokus gehen da sehr nah ran, arbeiten mit vielen Close-Ups. Man sieht jemanden Zuhause und bei Tätigkeiten, die nichts mit dessen Kunst zu tun haben. Diese Schnittbilder braucht man eigentlich, aber die hat er uns komplett verweigert. Wir mussten einen anderen Zugang finden – und das hat dem Film gut getan. Das fehlt sicher Zuschauern, die ihn auf seiner Couch lümmeln sehen wollen. Wir hatten dadurch aber die Möglichkeit, seinen Output so ernst wie möglich zu nehmen. Das, was er nach außen bereit ist, zu präsentieren. Wir arbeiten uns auf dem Weg nach hinten durch. Das macht den Film besonders. Wir finden über die Kunst die Privatperson und nicht umgekehrt.

Weiterlesen: Hier unsere Kritik „Vom Undergroundpräsidenten zum Konzertpianisten“ zu „Shut Up and Play the Piano“ von Philipp Jedicke…

War Ihnen von Anfang an klar, dass es nur mit dieser umgekehrten Herangehensweise funktionieren kann?
Anfangs waren wir immerhin bei Promo-Terminen und Plattenaufnahmen dabei, mir wurde schnell klar, dass sich immer wieder kleine Winkel öffnen werden.

Dem Menschen Jason Beck nähern Sie sich über seine Familie, also indirekt. Wie war das für ihn? Und wie für die Familie?
Sein Bruder ist ja noch viel bekannter und erfolgreicher als er. Er lebt in L.A. und arbeitet als Komponist für die ganz großen Hollywoodfilme. Sein Vater ist ein Immobilienmagnat. Die Motivation, zu Chilly Gonzales zu werden, war aus dem Schatten seines Vaters zu treten… und sich aus dem ewigen Bruderkampf zu lösen. Ich wusste, dass ich mit dem Bruder kein Interview bekomme und Chilly wollte das auch nicht. Wir waren froh, dass es im Archiv den Film „Ivory Tower“ gibt. Den hat Gonzales ja schon gemacht – und zwar genau über diesen Bruderkrieg. Dieses Material haben wir im Schnitt eingewoben, da er in dem langen Interview mit Sibylle Berg auch über seinen Bruder erzählt. Das hat funktioniert.

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23. September 2018 | In Internationale Filmfestspiele Berlin

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