Spengler: Über welche Werte diskutieren wir hier eigentlich


Regisseurin Mia Spengler präsentierte ihr Werk auf der Berlinale. Foto: Oskar Sulowski

Berliner Filmfestivals-Autorin Stefanie Borowsky traf Regisseurin Mia Spengler zu einem Gespräch über Castingshows, Social Media und die Sehnsucht, geliebt zu werden. Inzwischen wurde „Back for Good“ u.a. als Bester Debütfilm bei den Biberacher Filmfestspielen und als Bester Spielfilm beim Studio Hamburg Nachwuchspreis ausgezeichnet und gewann den FIPRESCI-Preis beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern. Am 1. November erscheint er auf DVD.

Back for Good“ erzählt die Geschichte von Angie, einem Reality TV-Sternchen, bei dem es nicht mehr gut läuft. Wie ist die Idee zum Film entstanden? Gab es eine bestimmte Casting- oder Reality TV-Show, die Sie zum Film inspiriert hat?
Mia Spengler (MS):
Eine einzelne Show gar nicht direkt, sondern vielmehr Einzelpersonen, die in diesen Shows mitgewirkt haben oder in diesem Bereich tätig sind. Es gab ein Video von Peter André, einem Star aus den 90ern. Als ich ein Kind war, haben wir das viel gehört. Das war ein netter Junge mit Topfschnitt und Waschbrettbauch, der unter einem Wasserfall stand und irgendeinen Popsong geträllert hat – fanden wir natürlich alle total niedlich als Kinder. In der Zeit, als die erste Idee zum Buch entstand, habe ich mit meiner Drehbuchautorin zusammen ein Interview von ihm gesehen. Wir haben uns Videos auf YouTube angeschaut und plötzlich dachten wir: „Das ist doch der Typ von früher!“ Der ist ziemlich abgestürzt. Er hat sehr viel Reality TV gemacht und hatte eine eigene Show über sein Privatleben mit Katie Price. In diesem Interview ging es viel darum, dass die beiden sich gerade getrennt haben. Alle hatten Drogenprobleme und alles war irgendwie ziemlich bitter – und dann wurde er auf seine Stiefkinder angesprochen, die er mit dieser Frau zusammen hat. Er ist total wütend geworden und meinte: „Es war doch abgesprochen, dass wir nicht über die Kinder sprechen. Ich verstehe nicht, warum Sie diese Frage jetzt stellen!“ Er hatte dann einen kleinen emotionalen Zusammenbruch in diesem Interview.

Was hat das in Ihnen ausgelöst?
MS:
Das war so ein krasser Moment und ich dachte: „Wow! Schau mal, wie fertig dieser Typ jetzt ist!“ Ich habe da selbst mit so einem Voyeurismus draufgeklickt. Dabei merkte ich, wie krass viel Menschlichkeit man dem entsagt, indem man seine Grenzen überhaupt nicht mehr respektiert, und auf was für ein Geschäft man sich da einlässt, wenn man so sehr mit seinem Privatleben Profit machen muss. Davon wird man auch irgendwann abhängig. Wie viel man da an Menschlichkeit aufgibt! Das hat mich total berührt, wie er in diesem Moment versucht hat, sein letztes Stück Privates zu verteidigen. Es ist interessant, dass Medienformate, die wir konsumieren – sowas wie Dschungelcamp oder Germany’s Next Topmodel –, nur darauf bedacht sind, über die Grenzen von jemandem zu gehen. Über die Grenzen von dem, was man eigentlich als Mensch hergeben will und auch vielleicht sollte, nach Wertevorstellungen, die ich für ganz gut halte. So habe ich angefangen, mich mit dem Thema zu beschäftigen und daraus entstand nach und nach eine Geschichte, weil ich gleichzeitig sehr nachvollziehbar finde, dass man das tut. In den Anlagen von Social Media steckt viel von dem drin. Man gibt immer ein Stückchen mehr von sich preis oder kreiert eine Version von sich, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Weiterlesen: Hier unsere Kritik „Trash-TV trifft Tupperparty zu „Back for Good“ von Mia Spengler…

Im Film ist Teenagerin Kiki traurig, weil sie nicht viele Facebook-Freunde hat. Sie startet auch ihren eigenen YouTube-Kanal. Warum sind Likes und Follower so wichtig?
MS:
Letztendlich geht es in dem ganzen Film um Sehnsucht: Die Sehnsucht, angenommen und geliebt zu werden. Und es geht um die verschiedenen Ausdrucksformen, die wir heutzutage in unserer Gesellschaft dafür haben. Wenn man das Problem hat, dass man so wenig seinen Kern spürt und sich doch so sehr danach sehnt, erkannt zu werden. Das ist ja ein Querschnitt über diese drei Generationen von Frauen, die jede in ihrem Spektrum versuchen, diese Anerkennung zu bekommen. Die Mutter in ihrem Line Dance-Verein, Angie, die Hauptfigur, im Trash TV und die Kleine auf Facebook oder Instagram.

Ist diese Sehnsucht nach öffentlicher Anerkennung heute besonders stark ausgeprägt durch all die Social Media-Kanäle?
MS:
Das ist etwas total Menschliches. Das haben alle Menschen über alle Zeiten immer gehabt. Es ist nur speziell, was für Ausdrucksformen man dafür in der jeweiligen Zeit findet, in der man lebt. Das ist etwas, was uns Menschen innewohnt, aber natürlich fördern bestimmte Zeiten, Systeme und Möglichkeiten wie das Internet eine bestimmte Form der Selbstdarstellung, die es vorher noch nicht gab. Aber der Wunsch nach dieser Form von Anerkennung ist bei allen Menschen immer dagewesen.

Im Film wird Kiki nicht nur in der Schule gemobbt, sondern auch im Internet. Wird man durch Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ abgestumpfter und respektloser?
MS:
Ich hatte ein Erlebnis bei der Recherche, ich habe aber sehr viele Freundinnen, die das regelmäßig gucken, fiel mir auf. Eine Freundin lud mich zum „Germany’s Next Topmodel“-Gucken ein. Wir waren alle Studierte, eine Theaterwissenschaftlerin und so weiter. Man sitzt da mit einer Weißweinschorle und sieht sich diese minderjährigen Mädchen dabei an, wie sie diese Show durchlaufen. Es fallen Sätze wie: „Die da ist echt unsympathisch!“ oder „Was hat die für einen fetten Arsch!“ Das hat bei mir richtig Wut ausgelöst. Ich musste zur Werbepause gehen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Ich habe auch meine Freundinnen nicht mehr ausgehalten. Die fand ich mindestens so schlimm wie die Show selbst. Ich finde es krass, dass man sich gegenseitig nur noch anguckt und bewertet. Ich glaube dass das durch solche Formate gefördert wird und dass das Internet das fördert. In erster Linie, weil es eine Form von Anonymität erlaubt und man nicht dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Das ist etwas anderes, als jemandem sowas ins Gesicht zu sagen. Im Film und in dem ganzen Projekt ging es darum, für uns selbst als Macher festzustellen, wo denn diese Werte genau liegen. Über welche Werte diskutieren wir hier eigentlich? Was ist denn diese Rückbesinnung auf Werte und wo führt die eigentlich hin? Wo ist dieser Ort, nach dem wir uns zurücksehnen und der so viel besser gewesen sein soll? Wir haben versucht, mit dem Projekt darauf für uns selbst Antworten zu finden.

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30. September 2018 | In Internationale Filmfestspiele Berlin

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