Bernd Buder: „Wenn man sich mit Film und Osteuropa beschäftigt, setzt man sich zwangsläufig mit Politik auseinander.“



50 Prozent der Beiträge im Wettbewerb stammen von Frauen. War das von Anfang an eine Vorlage?
Das hat sich so ergeben. Natürlich achtet man darauf, dass eine gewisse Balance da ist. Wobei ich sagen würde, dass man noch mehr darauf achten sollte, dass nicht die Frauen hinter der Kamera gleich vertreten, sondern die Protagonistinnen vor der Kamera und ihre Geschichten. Da gibt es genug Beispiele von Männern, die von weiblichen Protagonistinnen erzählen. Bei „Ayka“ hat ein Mann einen Film gemacht, bei dem eine Frau die meiste Zeit vor der Kamera zu sehen ist.

Wie steht es um die Stellung der Frau im osteuropäischen Kino?
Da muss man zwischen den verschiedenen Ländern Osteuropas differenzieren. Es gibt sicher verschiedene Länder, die wesentlich männlicher dominiert sind als andere. Was man beobachten kann, vor allem im Baltikum und im Balkanraum und zum Teil auch in Polen, dass es sehr viele weibliche Produzentinnen gibt, fast mehr als Männer. Dass es auch eine junge Generation von sehr vielversprechenden Regisseurinnen gibt und Drehbuchautorinnen. Da sehe ich, insbesondere was die kleineren Länder angeht, eine große Chance für Frauen zumindest auf 40 Prozent heranzukommen. Was ein großer Erfolg wäre. Schwieriger ist es in der Tat für ein Land wie Russland, was patriarchalisch dominiert ist und was die russisch-orthodoxe Kirche auch so belassen will. In Polen gibt es relativ viele erfolgreiche Frauen, sowohl als Produzentinnen als auch Regisseurinnen. „Wild Roses“ von Anna Jadowska hat mehrere Preise gewonnen und dieses Jahr ist der polnische Beitrag auch von einer Frau.

Welche Entwicklung wünschen Sie sich für das Festival? Wie wird sich der Umfang des Programms weiter gestalten?
Das Volumen ist dieses Jahr bis an seine Grenzen angestiegen. Wir zeigen 220 Filme, mehr als je zuvor. Dies hängt damit zusammen, dass Osteuropa so interessant ist. Wir versuchen immer ein Land vorzustellen (Georgien), wir versuchen, eine Region vorzustellen (Oberschlesien) und ein Thema etwas politischer zu behandeln (Ukraine und patriotische Geschichtsschreibung). Wir sehen uns verpflichtet, politisch nicht nur das zu zeigen, was wir teilen, sondern auch das was wir real vorfinden. Dann gibt es Einzelthemen, an denen wir nicht vorbeikommen. Mich haben dieses Jahr die Filme der tschechischen Regisseurin Adéla Babanová besonders fasziniert, die sozialistische Propagandafilme nachinszeniert und damit darauf aufmerksam macht, dass „Fake News“ auf eine kollektiv geteilte Wahrheit treffen und keine Erfindung der Gegenwart sind, sondern Propaganda miteinschließen. Dieses Osteuropa ist so reich an Geschichten und leider auch an Konflikten, die hierzulande hinter den Schlagzeilen meist nur ungenügend aufgearbeitet oder betrachtet werden, da bietet das osteuropäische Kino und die Begegnung mit den Filmemachern auf unserem Festival, die Chance, hinter die Kulissen zu gucken und sich anschließend besser auszukennen.

Ich glaube nicht, dass wir größer werden sollten. Ich glaube, je größer man wird, desto mehr zerfasert man sich und desto weniger Aufmerksamkeit kommt dem einzelnen Film zuteil. Ich bin auch nicht unbedingt ein Anhänger des Schrumpfens. Ich glaube, dass wir weiterhin umfassend die interessantesten Themen aus Osteuropa und Tendenzen von dort vorstellen sollten und öfters auch unentdeckte Filmländer. Da denke ich beispielsweise an Zentralasien oder an die Randbereiche Russlands, wie Jakutien, die seit Kurzem eine florierende, auch kommerzielle, Filmförderung aufweist.

Wie setzt sich das Publikum des Festivals zusammen?
Im Publikum sitzen Leute aller sozialer Schichten und Altersgruppen. Wir bieten eine Simultanübersetzung auf Deutsch über Kopfhörer an. Das heißt, man bekommt noch ein bisschen was von der Originalsprache mit. Man muss sich nicht die Mühe machen, die Untertitel zu lesen. Und es ist nun leider so, dass man in Deutschland, nicht wie in anderen Ländern, eine Tradition hat, alles mit Untertiteln zu schauen. Um die Vielfalt Osteuropas zu zeigen, muss man sich bemühen, alle Leute zu erreichen und da ist Sprache eine wichtige Komponente. Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen.

Welche Bedeutung hat Cottbus als Standort für das Festival?
Cottbus ist eine der deutschen Kleinstädte, die am weitesten im Osten liegen, wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Das war auch ein Grund, das Festival dort zu etablieren. Es bleibt trotz allem eine Stadt mit 100.000 Einwohnern und einem großen Einzugsgebiet, das noch industriell geprägt ist. Es gibt eine Universität und ist nur 1,5 Fahrstunden von Berlin entfernt. Was generell für ein Festival in einer kleineren Stadt spricht, man wird leichter zum Leuchtturm, die Wahrnehmung ist viel größer. Wir hatten öfters ein Nachspiel in Berlin. Es ist viel schwerer, in Berlin ein Thema abseits der direkten Zielgruppe unterzubringen, als in einer Stadt wie Cottbus, wo es weniger kulturelle Veranstaltungen gibt. Es vermeidet auch diese Blasenbildung, die es in Berlin gibt. Hier hat man seine Zielgruppe, die Mitglieder tragen alle die gleichen Pullover und die gleiche Brillenmarke, man geht in die gleichen Filme und ist sich einig, was die Aussage ist. In kleineren Städten muss man mit anderen Leuten reden und diskutieren. Es kommt öfters auch zu Meinungsverschiedenheiten, was auch gut ist. Und Cottbus ist auch ein Festival der kurzen Wege, alle Kinos und Veranstaltungsstätten sind in Laufnähe, was für das Publikum gut ist.

Die Fragen stellte Teresa Vena für Berliner Filmfestivals.

Das FilmFestival Cottbus findet vom 6. bis 11. November 2018 statt.

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4. November 2018 | In FilmFestival Cottbus

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