11mm 2019: Nicht unverwundbar


Fußball ist doch nur die wichtigste Nebensache der Welt. Eine Erkenntnis, die sich immer wieder bestätigt. Dem Fußballfilm ergeht es ganz ähnlich. Das zeigte die 16. Ausgabe des wunderbaren Fußballfilmfestivals 11mm. Die journalistische Klammer dieses Berichts sollte der überaus gelungene Dokumentarfilm „Unser Team – Nossa Chape“ der Brüder Jeff und Michael Zimbalist bilden, der das Festival eröffnete und dessen amerikanische Filmemacher nach fünf Festivaltagen den Jurypreis bejubeln und mit in die Staaten nehmen dürfen.

Weiterlesen: Unsere ausführliche Kritik „Leben nach der Katastrophe zu „Unser Team – Nossa Chape„…

Die beiden erzählen anhand der drei Spieler Alan Ruschel, Jackson Follmann und Hélio Neto die bewegende Geschichte des brasilianischen Fußballclubs Chapecoense nach dem 28. November 2016. An diesem Schicksalstag, der dafür prädestiniert war ein Freudentag zu sein, verunglückt ein Flugzeug kurz vor Medellín. An Bord der Maschine stirbt nahezu das gesamte Team, samt Trainern, Offiziellen und Journalisten. 71 Personen, ein Verein. Alle waren auf dem Weg zum größten Spiel der Vereinsgeschichte, dem Finale der Copa Sudamericana gegen Atlético Nacional (Kolumbien). Es kommt zur Katastrophe: Nur sechs Personen überleben, darunter die drei genannten Spieler, von denen ausgehend die Zimbalists „Unser Team – Nossa Chape“ entwickeln, zwei Flugbegleiter und der Journalist Rafael Henzel.

Die überlebenden Spieler Jackson Follmann, Alan Ruschel, Hélio Neto und der Journalist Rafael Henzel betreten das Stadion. ©ALL RISE

Der brasilianische Journalist Henzel ist neben den beiden Regisseuren Stargast beim Festival in Berlin. Seit dem Unglück reist er nur noch mit Frau und Sohn um die Welt, wird der sympathische Mann berichten. Ebenso, dass er nur 40 Tage nach dem Unglück wieder seine Arbeit als emotionale Stimme von Chape bei Radio Oeste Capital FM aufgenommen hat. Für die Promo zum Film reiste die Familie um die Welt, neben Berlin waren die Henzels in Bilbao zu Gast. Im Gespräch nach der Deutschlandpremiere klärt er kompetent über einige Unschärfen des Films auf und geht auf die kritischen Punkte der Doku ein, die aus dem Werk, das bundesweit in den Kinos startet, kein Rührstück mit Heldenverehrung macht, sondern durchaus auf Probleme der Protagonisten und vor allem derer, die Zurückgeblieben sind, eingeht. Henzel nimmt dabei seine Zuhörer ein, er, der diese Katastrophe scheinbar mühelos weggesteckt hat, scheint unverwundbar. Seine Familie beobachtet ihn mit stolzen Blicken, während er auf der großen Bühne den fast 500 Zuschauern des Babylon über seinen Verein und dessen Tragödie berichtet. Es hätte seine eigene sein können, doch sein Schicksal ist ein anderes. Es ereilt ihn zwei Tage nach Festivalende. Rafael Henzel erleidet einen Herzinfarkt und stirbt mit nur 45 Jahren. Auf dem Fußballplatz. Beim Spiel mit seinen Freunden. Unfassbar. Selten fühlt man sich der Welt und auch dem Leben mehr ausgeliefert als in diesen Momenten nach Festivalende. Die Gedanken sind bei Henzel und noch mehr bei seiner Familie.

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28. März 2019 | In 11mm

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