FF DD 2019: Ein Hoch auf die irritierenden Bilder



„Eigentlich hat man hier die Barrierefreiheit über die Kunst gestellt“, sagt der Mann am Ausgang zur Moderatorin des Screenings von „Blue“ beim 31. Filmfest Dresden. Er finde, die radikale Form des Films litte immens unter der kuratorischen Aufbereitung, den Untertiteln. Radikal ist Derek Jarmans Hör- und Sehstück „Blue“ tatsächlich und zwar radikal monochrom im Wortsinne: Der umtriebige englische Maler, Filmemacher und Aktivist verarbeitete mit „Blue“ seine Aids-Erkrankung, die ihn langsam erblinden ließ – das Letzte, das er sehen konnte, war die Farbe Blau. Diese Farbe und dieses Gefühl transportiert Jarman konsequent.

Derek Jarmans Hör- und Sehstück fordert seine Zuschauer_innen. (c) Derek Jarman

Eine ganze Filmlänge lang gibt es nichts anderes zu sehen als den blauen Screen, man hört lediglich die fragmentarischen Texte über seine Krankheit, das Paradies, den Krieg in Ex-Jugoslawien, die er von Wegbegleiter*innen wie Tilda Swinton (die in seinem „Caravaggio“ übrigens ihr Leinwanddebut feierte) einsprechen ließ. „Jetzt siehst du einmal, wie ich die Welt sehe“, scheint dieses Blau zu sagen, „Und jetzt schau mal, wie empathisch du sein kannst“. Und in Dresden, in besagter Vorführung, ist das Blau eben nicht mehr monochrom, sondern durch die Untertitel unter- oder gebrochen. Für den Mann am Ausgang ein Sakrileg.

Die Untertitel sind Teil eines größeren barrierefreien Programms und Anspruches beim internationalen Dresdner Kurzfilmfestival: Vor vielen Kinos gibt es Rampen für Rollstühle, selektierte Screenings werden eben mit Untertiteln für gehörlose Menschen angeboten, in anderen Projektionen erscheint zwischen den Filmen ein Hinweis, dass nun eine Kurzzusammenfassung des Filmes für Menschen mit Sehbeeinträchtigung per Kopfhörer vermittelt wird, die Moderation wird in Gebärdensprache übersetzt. Ob hier vielleicht auch Purist*innen ohne körperliche Beeinträchtigung sitzen, die sich mokieren über die vermeintliche Umständlichkeit, die Unterbrechung des kuratorischen Flusses – wie der Mann am Ausgang? (Dass Menschen mit Beeinträchtigungen im Alltag viele Verzögerungen vorfinden, könnte man ihnen entgegen – und zwar ganz ohne dass sich diese Verzögerung dann sofort in ein lohnendes kulturelles Erlebnis verwandelt, wie hier in Dresden. Und vielleicht, so könnte man hinzufügen, ist schon allein die Verzögerung oder gefühlte Umständlichkeit also eine gute Erinnerung für Menschen ohne Beeinträchtigungen, wie selbstverständlich viele von ihnen ins Kino gehen, und wie schwierig sich das umgekehrt für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen gestaltet.)

Der kuratorische Fluss ist allerdings beim Filmfest Dresden auch ohne den Aspekt der Barrierefreiheit überhaupt zu thematisieren eine Wildwasserbahnfahrt. Schließlich werden hier im Internationalen und Nationalen Wettbewerb nicht nur szenische Kurzfilme, sondern auch Animationsfilme gezeigt, vereinzelt auch Hybrides/Dokumentarisches. Dazu das eben genannte Tribut an Derek Jarman, ein Kuba-Schwerpunkt, experimentelle Filmprogramme und eine Reihe „Animierte Malerei“. Das kommt einem ungleich wilder vor als beispielsweise bei der Dok Leipzig, wo die meisten Animationsfilme beispielsweise eher in separaten Programmen gezeigt werden.

Weiterlesen: Hier unser Festivalbericht „Dok Leipzig 2018: Prügel fürs Hirn“

Von allen Kontinenten kamen die Filmbeiträge und man muss das betonen, auch wenn es bei den meisten Filmfestivals ohnehin zum guten Ton gehört. Doch durch die unterschiedlichen Realisationsstile hoben sich die verschiedenen kulturellen Narrative besonders auffällig voneinander ab; ein tolles, erfrischendes Erlebnis. So zum Beispiel bei „Leaking Blue“ („Azul Vazante„) von Julia Alquéres. Eine Frau liegt auf einem Krankenhausbett vor einer großen Kirche, schlafend oder komatös. Ständig fühlen sich die Passanten berufen, ihren Körper zu kommentieren („Is it a man or a woman?“), ihr Ratschläge zu geben oder ihr Schicksal anderweitig zu determinieren. Eine Frau, die ihre Mutter zu sein scheint, entfernt ihr den Nagellack – nur um in der nächsten Szene selbst als Hauptfigur aufzutauchen. Man sieht eine Kücheneinrichtung, in der sie herumräumt, die mitten an einer Straßenecke steht, für alle einsehbar. Der surrealistischen Verknüpfung von Schauspiel und dokumentarischen Material (die Passanten sind „echt“), wie wir sie sonst zum Beispiel von Glawogger im europäischen Raum kennen, wird hier eine brasilianische Spielart des Hybrids entgegen gestellt. Interpretationen sind müßig und doch: Der Körper der/des Anderen (ob es nun eine Frau ist oder nicht) ist hier ein öffentlicher Schauplatz, an dem sich alles abarbeitet, für den keine Privatheit mehr möglich ist, der fremddeterminiert wird. Passenderweise läutet das „Das Sehen beginnt, bevor man die Augen geöffnet hat“ den Film ein.

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20. April 2019 | In Allgemein

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