FF DD 2019: Ein Hoch auf die irritierenden Bilder



Ebenso schön ungewohnt anzuschauen: Apichatpong Weerasethakuls „Blue„, ein zwölfminütiges Nachdenken über die (Un)wirklichkeit des Traumes: Wir sehen nur eine Frau, die schläft, Theaterkulissen, die sich immer wieder auf- und zurollen und ein Feuer das prasselt – erst für sich, dann als Reflektion, dann scheinbar auf dem Bett der schlafenden Frau. So geht also entschleunigter Film. Zugänglicher, und nichtsdestotrotz radikal in seiner Form ist „Ginny Moskovii“ von Dimitri Venkov, in dem Moskau wortwörtlich auf dem Kopf steht. Die um 180 Grad gedrehte Kamerafahrt gleitet durch das historische, brutalistische und das zeitgenössische Moskau; man hat immer das Gefühl man würde gleich abstürzen und in die Wolken fallen. Eine Variation der russischen Nationalhymne läuft dazu – selbstredend rückwärts.

Auch unter den animierten Filmen fanden sich einige radikale Neuentdeckungen, so zum Beispiel Jin-Man-Kims „Dancing Frog“ (Stop-Motion; Wachsfiguren), eine tragische Froschoper, in der ein Frosch erkennen muss, dass alles endlich und alle Welt schuldig ist. Mit einer Wahnsinnschoregraphie, die Kim durch einen simulierten Stroboskopeffekt erzeugt, wirkt der kleine Frosch plötzlich so verloren und klein wie der Mensch an sich. Auch die Reduktion war in Dresden beeindruckend, zum Beispiel in Äggie Pak-Yee Lees minimalistischen und sehr humorvollen „Five Steps to the Right„: Ein Mann betritt neugierig einen Raum, den er nicht mehr verlassen kann und ist plötzlich mit sich selbst allen. Nach allen Regeln der Kunst lässt Lee ihn turnen, sich verformen, die Begrenzung des Raums erfahren.

Wer die Wildwasserbahnfahrt nicht gut aushielt, konnte sich auch existierende und zukünftige Klassiker der traditionellen Animation anschauen: So hatte das Filmfest in Zusammenarbeit mit dem DIAF (Deutsches Institut für Animationsfilm) einen Programmpunkt „Animierte Malerei“ – die meisten versammelten Filmemacher*innen nutzen dabei Öl-auf-Glas-Animation, oft direkt unter der Kamera – konzipiert und durch eine Ausstellung in den Technischen Sammlungen flankiert. Im zweiten Teil waren unter anderem laut den Kurator*innen die beiden aktuellen Meister der animierten Malerei, Alexander Petrov und Witold Giersz, vertreten.

Alexander Petrovs „Rusalka“ überzeugte beim 31. Filmfest Dresden. Foto: Alexander Petrov

Besonders Petrovs „The Mermaid“ („Rusalka„) lässt einen erschlagen zurück, erschlagen von seiner fast zu romantischen Virtuosität, die sofort an die alten russischen Meister der Tretjakow-Galerie denken lässt. Jedes Bild sitzt, jeder Übergang fließt. Anders Giersz, der in seinen Werken „Signum“ (Animation auf Stein) und „Fire“ (Pożar), ganz absichtlich im Bild noch das vorangegangene Bild stehen lässt – und damit den künstlerischen Prozess an sich mit sichtbar macht. Im schönen Kontrast zu den romantischen Naturbildern ist Xenia Smirnovs „Rubik“ programmiert. Hier wird der Alltag in einer Gemeinschaftswohnung durcheinander gewirbelt – alles fliegt wiederholt durch die Luft, bis alle Figuren Rollen und Aktivitäten bis ins Absurdeste vertauscht haben. Da bügelt dann ein Mann mit dem Topf eine Zeitung und eine Frau wäscht kein Geschirr, sondern ein gerahmtes Portrait. Ein schönes Programm, dem auch noch Filme von Michaela Müller gut zu Gesicht gestanden hätten.

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20. April 2019 | In Allgemein

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