Diagonale 2019: Nicht-politisch gibt’s nicht


Das wirbelnde Wasserrad des Diagonale Trailers funktioniert auch als Sinnbild hervorragend. ©sixpackfilm

Unsere Autorin Marie Ketzscher hat lange für das Animationsinstitut der Filmakademie Baden-Württemberg gearbeitet und ist seit 2017 dem Nachwuchs bei Berlinale Talents treu. Bei der Diagonale 2019 in Graz (19. – 24. März 2019) hat sie sich neben der unterhaltsamen Jelinek-Adaption und dem Zombie-Heimatfilm „Die Kinder der Toten“ vor allem Dokumentar- und Experimentalfilme begutachtet.

Schon das wirbelnde Wasserrad hat die Politik in sich. Im Diagonale-Trailer (Exzerpt von Johann Lurfs „Cavalcade„) dreht sich das bunte Rad im Wasser – erst bewegen sich die fünf Farbringe des Rades immer schneller, dann, als das Rad schon fast abzuheben scheint, bleibt die innerste Farbfläche fast stehen. Zwischendrin immer wieder eingeblendeter Text, der ebenfalls an Tempo aufnimmt: „Hetze, mehr Hetze, Wahlen gewinnen, noch mehr Wahlen gewinnen“ und schließlich „Nationalismus ist Gift für die Gesellschaft“. Das sitzt. Positionierung hat in Graz Tradition: Das 22 Jahre alte Festival war 2004 ein direkter Schauplatz politischer Kämpfe, als der Kunststaatssekretär Franz Morak (ÖVP) die damalige Programmleitung entließ, was als „Racheakt“ für die lautstarken Proteste am Festival und im Festivalkatalog gegen die Bildung der ersten blau-schwarzen Regierung in Österreich 2000 gewertet wurde.

Die klare Haltung des Trailers passt heuer gut zum Programm der Diagonale – Festival des österreichischen Films: Die Auseinandersetzung mit der Flüchtlingspolitik aber auch der direkte gesellschaftliche Umgang mit dem Alltag der Geflüchteten, die Verarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs und der Umgang mit Geschlechtergerechtigkeit fielen sofort in den Blick. Außerdem findet das demonstrativ suchende Auge der zum ersten Mal nach Graz Reisenden auch eine Programmschiene „Innovativer Film“, die dem Experiment huldigt, diesem integralen Bestandteil österreichischer Filmkultur. Ein verbindendes Element der Filme: Oft geht es um die Exhumierung unbequemer Wahrheiten, um das Sichtbar-Machen von Verdrängtem oder Peripherem.

Frauen mit Pinseln und unordentliche Buden

Gleich der zuerst gesehene Film des Festivals, „Sie ist der andere Blick“ von Christiana Perschon, knipst das ganz große Rampenlicht an für fünf Künstlerinnen der Avantgarde-Szene der 70er Jahre, die nicht in erster Reihe mit Koryphäen wie Valie Export genannt werden: Renate Bertlmann, Linda Christanell, Lore Heuermann, Karin Mack und Margot Pilz. Da der künstlerische Arbeitsprozess visuell schwer fassbar ist, hat sich Perschon für eine interaktive Form des Portraits entschieden: Fast alle Künstler*innen machen etwas mit ihren Kunstwerken, stellen Dinge nach oder treten in einen direkten Dialog mit Perschon, wie Margot Pilz, die sie in ihre modulare Box ihres „White Cell Projects“ mitnimmt. Dort, wo Pilz einst den individuellen und kollektiven Aus- und Aufbruch aus dem Geschlechtermief probte, darf nun Perschon selbst den Raum befreiend/beengend für sich nutzen. Perschons Fragen hört man nicht, aber alle Frauen nehmen Bezug auf ihre künstlerischen Anfänge, auf ihre Rolle als Künstlerinnen im männlich dominierten Kunstbetrieb und in der Gesellschaft. Der Film macht Lust darauf, sie alle kennenzulernen, insbesondere Iris Dostal, die man „nur“ Leinwände grundieren sieht, was im Vergleich zur Konkretheit des restlichen Films etwas seltsam anmutet. Nichtsdestrotz fliegt „Sie ist der andere Blick“ ziemlich auseinander. So sitzt beispielsweise Lore Heuermann zwischen ihren eigensinnig kalligrafischen Papierfahnen, sagt lapidar anmutende Sätze wie „Bewegung ist für den Menschen essentiell“ und wirkt damit höchst verloren und inaktiv neben den anderen Künstlerinnen. Die unglaubliche Konzentration und Konsequenz ihres Werkes geht aufgrund dieser hilflos wirkenden Inszenierung ihrer Person unberechtigterweise unter.

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2. April 2019 | In Allgemein

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