Diagonale 2019: Nicht-politisch gibt’s nicht


Ein Part des Trouble (Double): Valie Exports „Die Praxis der Liebe“ (1984/1985). Foto: sixpackfilm

Ganz anders und im Grunde nicht vergleichbar: Das vom Wiener „Diskollektiv“ organisierte Trouble (Double) Feature, Bestandteil der Reihe „Über-Bild: Projizierte Weiblichkeiten“: Zuerst kommt Valie Exports „Die Praxis der Liebe“ (1984/1985), im Anschluss hat das Kollektiv einen internationalen Überraschungsfilm programmiert, der sich als „Housekeeping“ von Bill Forsyth aus dem Jahr 1987 entpuppt. Mit der ungewohnten kuratorischen Praxis, zwei auf den ersten Blick nicht miteinander kommunizierende Filme zu zeigen, möchte das Kollektiv neue diskursive Räume aufmachen, Sehgewohnheiten in Frage stellen und mit dem Publikum darüber diskutieren.
Ein Mammutabend, der Sitzfleisch verlangt und dafür mit spannenden Synapsensprüngen belohnt. Man sieht Vergleichbares – zwei Filme, in denen sich Frauen dem Typus „Hausfrau“ verweigern – und Disparates. Und obgleich man vermuten könnte, mit „Housekeeping„, der das Heranwachsen zweier verwaister Schwestern mit ihrer exzentrischen Tante thematisiert, einen konventionelleren Film vor sich zu haben, ist das Gegenteil der Fall. Zwar hat Export herrlich spannende Einfälle für ihre Protagonistin Judith Wiener (Adelheid Arndt) parat, die als Journalistin einem Kriminalfall auf die Schliche kommt und sich dabei nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann – die Projektion des weiblichen Körpers auf einen anderen nackten Körper in einer Peepshow beispielsweise, die relativ freizügige Sexszene, der unverhoffte Szenenwechsel, den Export zeitweise experimentell mit dem Strich einer grünen Linie quer durchs Bild löst – doch diesen radikalen Gesten steht die spröde erzählte Kriminalgeschichte mit Stakkato-Dialogen gegenüber, mit der nie komplett gebrochen wird.
Housekeeping“ arbeitet stattdessen mit einem unter der Oberfläche brodelndem Stoff, den die Schauspielerinnen – allen voran Christine Lahti als Tante Sylvie – mit einer absoluten Dringlichkeit zum Leben erwecken: Forsyths Film ist nicht nur eine überzeugende Coming-of-Age-Story, sondern behandelt ganz generell die ewige Suche nach Zugehörigkeit und Identität. Und stellt vor allem infrage, ob wir uns jemals wirklich frei für unser eigenes Ich entscheiden können.

Ist das eine politisch motivierte Entblößung?

Der Blick in das Private (Privatpolitische), wie er in Exports und Forsyths Filmen sichtbar wird – er wohnte auch oft dem innovativen und dokumentarischen Kurzfilm inne. Da gab es klassische Portraits wie den kurzweiligen „Das Buch Sabeth“ von Florian Kogler über die über 90-jährige Dichterinnen-Erscheinung Elisabeth Netzkowa Mnatsakanjan und das Verhältnis zu ihrem ehemaligen Schüler Andreas Schmiedecker oder fragmentierte Portrait-Erinnerungen wie „Jeanne et Antoine de B.“ von Anne De Boismilon über den Verlust des Bruders, der aber so nahe bei der Schwester bleibt, dass das Persönliche bisweilen unerträglich wirkt. Ähnlich gemischte Gefühle erzeugt „Brief an eine Tochter“ von Wilbirg Brainin-Donnenberg, die Super8-Bilder ihres Urlaubes in Kroatien mit Aufnahmen der Tochter im Austauschjahr montiert – und dabei in einem persönlichen Brief über ihr Verhältnis und die Selbstermächtigung von Frauen im #metoo-Zeitalter nachdenkt. Manchmal kann die bloße, nackte Nähe zu den Protagonist*innen auch unfähig machen, im Gesehenen mehr als nur die emotionale Erinnerung zu sehen.

Neben der Auswahl dieser persönlichen Stoffe ins Programm war die Vielzahl essayistischer Filme über die Genregrenzen hinweg augenfällig, was die behauptete Trennung von Dokumentar- und innovativem Film allerdings recht arbiträr wirken ließ. Besonders bei vielen dokumentarischen Beiträgen hätte man oft „innovativ“ drunter schreiben können. Beispielsweise bei „False Memories“ (Michael Simku, Ulrich A. Reiterer, Marlene Maier), der untersucht, wie Medienimperien kollektives Bewusstsein/Erinnerungen infiltrieren und dabei Chinas Aufstieg in der Entertainment-Industrie durch sein wissendes Voice-Over behauptet und auf die Spitze treibt. Oder auch bei Daniel Zimmermanns „Walden„, der die Zuschauer*innen ganz langsam auf ein kontemplatives Slow Road Movie mitnimmt. Im Mittelpunkt des Films: Ein Stück Holz, das von Österreich nach Brasilien verschifft wird. Zimmermanns Team hat den Transport minutiös beauftragt, geplant, inszeniert.
Oder auch beim Gewinnerfilm unter den kurzen Projekten, „Remapping the Origins“ von Johannes Gierlinger, mit seinen klugen und immer fragenden Überlegungen zum erstarkenden Nationalismus in Polen, die in unterschiedliche Richtungen mäandern.

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2. April 2019 | In Allgemein

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