Diagonale 2019: Nicht-politisch gibt’s nicht


Jennifer Mattes „Wreckage takes a holiday“ wurde als bester innovativer Film der Diagonale 2019 ausgezeichnet. Foto: Jennimattes

Der Zeigefinger als hurtig geschwungene Axt

Tonal ganz anders dagegen „Wreckage takes a holiday„, der als bester innovativer Film ausgezeichnet wurde. Subtilität ist seine Sache nicht: Die Regisseurin Jennifer Mattes kombiniert die Reklame exotischer Urlaubsreisen und Orte des maritimen Massentourismus mit gestrandeten Flüchtlingsbooten und nachgestellten Szenen einer Businessfrau, die mit Schnorchelbrille und Rollkoffer dem Wasser entsteigt (und wieder hineingeht). „Wreckage takes a holiday“ stellt Zusammenhänge zwischen diesen Menschenmassen dar, und zwar so wütend und bissig, bis es wehtut – es hätte den nachgestellten Text vielleicht gar gebraucht, der mahnt, wie viele Menschen auf dem Mittelmeer schon umgekommen sind.

Die stilleren Bilder hatten es oft schwer zwischen den lauten. Zum Beispiel der versponnene „The Magical Dimension“ von Gudrun Krebitz. Die Animationsregisseurin, in deren wunderbarem „I know you“ von 2009 die Realität verrutscht und fremde Dinge in Schubladen sortiert, sucht hier wieder die Grenzen/Überlappungen zwischen dem, was vermeintlich da ist, und der Einbildung. Was ist nun realer – die gefilmten, verwaschenen Bilder „echter“ Welt, oder die flüchtigen Figuren, die sie marienhaft in ihnen erscheinen lässt?
Anna Vasof jagt hingegen in „Muybridges Disobedient Horses“ die Filmgeschichte durch die Nonsensmaschinerie: Der Bildzerleger und Visionär Muybridge, der uns aus den effekthascherischen Marvels dieser Welt ins Gesicht explodiert, ist bei Vasof die Aufforderung, mit den Bildern zu spielen. Am schönsten ist ihr „Self-Portrait“: Ein Zoopraxiskop im Stile Muybridges, in das Vasof Pappbecher mit ausgestanzten Gesichtern schraubt – sobald es anläuft, sieht man an der Wand keine Pferde, sondern wie ein Vasof-Scherenschnitt immer wieder den Kopf gegen die Wand haut.

Auch „animistica“ von Nikki Schuster entwickelt einen eigenen Sog: Eine Kamera gleitet über verschiedene künstliche Hautoberflächen gespickt mit Zähnen, Fell, Knochen und Sehnen: Da ploppt, zischt, wuchert, eitert und platzt es, was das Zeug hält. Auf lustvoll ironische Art und Weise setzt uns hier Schuster das ganze Sammelsurium unheimlicher Assoziationen mit der Tierwelt vor die Nase.

Bei Johann Lurf, der mit „Cavalcade“ das visuelle Erscheinungsbild der diesjährigen Diagonale prägte, können die Zuschaue beides haben, die direkte Ausformulierung und das leise Deuten. So feuern sich im Trailer Bild und Text schön an, und in der Filmversion entsteht die Magie eben durch die Textauslassung. Dort, wo er noch mehr Zeit hat, das Wasserrad zu beschleunigen, verweist Lurfs Film dann direkt auf die manipulative Kraft, die einem jeden Bild potentiell innewohnt – ist das ein „echtes“ Rad oder ein animiertes (Antwort: ein echtes), bedeutet die absolute Beschleunigung immer Stillstand und: Was sehe ich überhaupt? Diese Fragen rotieren im Kopf, bis das Rad wieder still steht. Auch das eine tolle Seh- und Denkübung, wie man sie mit dem aktuellen österreichischen Kino in Graz heuer erleben konnte.

Marie Ketzscher

Die Diagonale fand von 19. bis 24. März 2019 in Graz statt.

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2. April 2019 | In Allgemein

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