Bliese: „Ich habe für diesen Film überhaupt nicht recherchiert. Oder, wenn man so will, mein ganzes Leben.“


Die im Theater ausgebildeten Schauspieler Birte Schnöink und Ole Lagerpusch spielen die Hauptrollen im Film. ©DFFB

Sie setzen Musik sehr gezielt und minimalistisch ein. Dass die Darsteller selber singen ist ein hervorragendes Mittel. Vor allem geben Sie dem Auftritt auch viel Raum. Was hat Sie daran interessiert?
Es berührt mich, Menschen singen zu sehen, die keine professionellen Sänger sind. Es gehört immer Mut dazu, vor anderen zu singen, weil man sich damit ausstellt und verletzlich macht. Diese Situation hat mich für meine Figuren interessiert: Eigentlich sind sie gerade getrennt und haben sich in ihre jeweiligen Panzer zurückgezogen, aber dann müssen sie dem Sohn zuliebe singen und sich einen kurzen Moment öffnen. Mich interessiert zu sehen, wie jemand über seinen Schatten springt. Überhaupt sind Georg und Sophie sehr schlagfertige, ironische Charaktere, die eher nicht so viel von sich preisgeben. Die kitschigen Schlager sind wie ein Gegenentwurf dazu: die Sehnsucht nach einem ganz unironischen und einfachen Gefühl.

Mir gefällt, dass Sie mit dem Schlusslied wieder daran anknüpfen. Hat das Lieb von Rudi Carrell eine persönliche Bedeutung?
Das Lied weckt für mich Assoziationen an Freibad-Besuche in einem verregneten Sommer in Westdeutschland und somit, auch wenn das absurd klingt, an eine heile Welt. Ich wollte für die immer noch sehr wacklige Patchwork-Familie am Schluss so etwas wie eine Hoffnung auf Geborgenheit geben. Darauf, dass sie es schaffen könnten, mit ihrem Humor die ständigen Konflikte zu überstehen. Das gemeinsame Singen am Ende ist wie ein kurzer Moment der Utopie, den der Film sich erlaubt…

Welche Filmautoren erachten Sie als wichtig für Ihre ästhetische Bildung?
Ich bin ein Theaterkind und hatte mit Film eigentlich erstmal gar nichts am Hut, weil mich diese amerikanischen Filme, die man in Deutschland so guckt, nicht interessiert haben. Aber ich bin in Frankreich zur Schule gegangen, wo es einen wirklich tollen Filmunterricht gab, in dem Kino tatsächlich als Kunstform behandelt wird. Da habe ich plötzlich Filme von Godard, Rohmer, Kiarostami oder Kaurismäki entdeckt, die mich begeistert haben. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass auch Film diese ironische Distanz haben kann, die ich vom Theater so mochte. Plot muss nicht alles sein.

Einzelteile der Liebe“ war Teil der Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale. Was war das für eine Erfahrung?
Wir sind erst ganz knapp vor der Berlinale mit dem Film fertig geworden, ich war fix und fertig nach der ganzen Postproduktions-Arie, und deshalb war es überwältigend, nach den ganzen Spätschichten allein in irgendeinem Schneideraum plötzlich mit 500 Leuten in einem riesigen Kino zu sitzen und den Film auf der ganz großen Leinwand zu sehen. Es hat sich so irreal angefühlt, dass ich den Film bei der Premiere gar nicht richtig sehen konnte. Erst bei einer späteren Vorstellung konnte ich es genießen, die Reaktionen der Zuschauer mitzuerleben, es ist schon toll, wenn ein Film im vollen Kino so zum Leben erwacht. Für mich war das ein Geschenk.

Die Fragen stellte Teresa Vena für Berliner Filmfestivals.

 

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