16. Provinziale: Raumerkundungen



Leichtfüßig kam auch Jérôme Boulbès „Le Pont des Broignes“ daher. In seiner Ästhetik von japanischen Animes inspiriert zeigt der französische Animationsfilm (2D/3D) verschiedene Figuren bei ihren alltäglichen Verrichtungen, insbesondere eine Händlerin, die mit ihrem Boot immer wieder an einem Steg andockt, dann zur Restaurantbesitzerin wird. Hinter dem Steg wächst die Stadt – und die Brücke – und das Treiben nimmt zu, ebenso wie die Umweltverschmutzung. Dazwischen schwimmen die Totenboote, vergnügt und unbeirrt. Fantastische Figuren und Elemente brechen das Narrativ – eine Blase, auf der eine froschartige Figur hinfort segelt, eine Art Sumpfwesen, das ein kleineres Wesen verschluckt. Später schwemmt die Flut alles hinfort – doch anstatt zu enden, zeigt „Le Pont de Broignes“ wie ein neues Steg-Restaurant seine immerfort essenden, trinkenden und lachenden Kunden weiter bedient. Es ist ein fantastischer Raum, eine buddhistische Erweiterung der Realität, der vielleicht auch aufgrund des Animationsstils nicht nur allgemein als Metapher für das ständige Weitermachen geschaut werden kann, sondern auch als spezifischer Blick auf konkrete Geschehnisse wie Fukushima.

Das Eberswalder Publikum begeisterte sich hingegen für einen Film, der das Zerfliegen räumlicher Bezüge zum Thema hatte – oder vielleicht tatsächlich ganz und gar ortsunabhängig ist: Bruno Collets elaboriert animierter Stop-Motion-Kurzfilm „Mémorable“ (Hauptpreis in Annecy 2019), der die Demenzerkrankung des Malers Louis und das Zusammenleben mit seiner Frau und Muse nachzeichnet. Stilistisch inspiriert von Van Gogh und Giacometti fängt der Film die für den Maler immer konfuser werdende Welt ein. Collets verzichtet – abgesehen vom letzten Drittel – darauf, eine grundlegend neue Bilderwelt zu erfinden. Seine Mittel, wie die Post-Its, die Gegenstände noch begreiflich machen sollen oder die immer wieder stattfindenden Gespräche, die die zunehmende Vergesslichkeit verdeutlichen, sie alle könnten auch eins zu eins in einem Spielfilm abgebildet werden. Außerdem wirkt der Film zeitweise, auch aufgrund seiner Instrumentierung, nicht nur emphatisch, sondern geradezu sentimental. Sei es drum: Auf den dystopischen und auch den fantastischen Raum hatte das Eberswalder Publikum scheinbar weniger Appetit.

Marie Ketzscher

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20. Oktober 2019 | In Filmfest Eberswalde

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