Afrikamera 2019: Schwerpunkt auf den portugiesischsprachigen Ländern


Afrikamera präsentiert vom 7. bis 11. November 2019 im Kino Arsenal in Berlin eine Auswahl an aktuellen filmischen Positionen vom afrikanischen Kontinent. Dieses Jahr liegt einer der Schwerpunkte auf den lusophonen Ländern, also den Ländern, deren offizielle Landes- oder Amtssprache Portugiesisch ist. In Afrika betrifft dies insgesamt sechs Nationen, wovon Angola, Mosambik und Guinea-Bissau die größten sind. Im Programm des Festivals sind nun Filme aus dieser Region in Form von Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen zu sehen.

Als Themenschwerpunkte der Filme lassen sich zum einen die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte erkennen. Gezeichnet ist diese über Jahrhunderte hinweg von Ausbeutung, Gewalt, Krieg und Entbehrungen. Deutlich wird das beispielsweise in den beiden Spielfilmen „Mabata Bata“ (10.11., 20.30 Uhr) von Sol de Carvalho oder „O grande kilapy“ (10.11., 16.30 Uhr) von Zézé Gamboa. Ersterer spielt während des Bürgerkrieges in Mosambik, der von 1977 bis 1992 andauerte, aber noch immer Auswirkungen auf die Lebensrealität im Land hat. Der Film handelt von der Trauer und der Wut über die Sinnlosigkeit des Todes eines jungen Mannes, der stellvertretend für fast 900.000 Opfer steht.
Der angolanische Regisseur Gamboa situiert sein Drama von 2012, „O grande kilapy„, in den 1960er Jahren und porträtiert einen jungen Mann, der sich auf die Seite der Freiheitskämpfer in Angola stellt und dadurch seine privilegierte Position als Student im „sicheren“ Ausland gezwungenermaßen aufgeben muss.
Beide Werke sind als Co-Produktionen entstanden, für das erste haben Mosambik und Portugal und für das zweite Angola und Brasilien ihre Kräfte vereint. Dass eine Zusammenarbeit im Filmbereich zwischen den Ländern der Lusophonie stattfindet, kann als erfreulich betrachtet werden. Auf diese Weise können nicht nur finanzielle Synergien geschaffen werden, sondern vermutlich auch auf kultureller Ebene Bindungen gestärkt werden zwischen Ländern, die auf eine belastete gemeinsame Vergangenheit zurückblicken und mit unterschiedlichen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert sind.

Das Gleiche gilt auch für die beiden Dokumentarfilme zum Thema Goldabbau, die das Festival in Zusammenarbeit mit der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung hervorhebt und als Basis für eine tiefergehende Diskussion zum Thema Ressourcen und Ausbeutung nimmt. Am 8. November ist das Publikum bei freiem Eintritt eingeladen, mehr über die Geschichte der Goldgewinnung in Minen in Südafrika und Burkina Faso zu erfahren. „Dying for Gold“ (18 Uhr) von Catherine Meyburgh und Richard Pakleppa feiert in Berlin seine Europa-Premiere und erzählt anhand von historischen Dokumenten, Video- und Audioaufnahmen von den Anfängen der Goldarbeiter unter der Kolonialmacht Niederlande in Südafrika. Fast könnten die Aufzeichnungen von damals mit überlieferten Werbetexten und Propagandafilmchen, die die Einheimischen zum Anheuern für die sklavenartige Arbeit bewegen sollten, komisch wirken, wären sie nicht unverfroren bösartig. Im zweiten Beitrag zum Thema „Pas d’or pour Kalsaka“ (20 Uhr) von Michel K. Zongo, eine Co-Produktion zwischen Burkina Faso und Deutschland, stehen die Bewohner einer dieser Goldabbauregionen im Vordergrund und beschreiben, was von den Ausführungen der Regierung, die durch die Goldgewinnung allen ein Leben im Wohlstand versprach, eingetroffen ist.

Diese Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit hat Tradition im Filmschaffen der lusophonen afrikanischen Länder. Insbesondere in den 1970er Jahren erregte das als „Militant Cinema“ bezeichnete postkoloniale Befreiungskino von Angola und Mosambik Aufmerksamkeit. Auch wenn das heute weitergetragen wird, beschäftigen sich neue Generationen von Filmemachern auch mit breiteren sozialen Themen, die das Zusammenleben in der Gesellschaft prägen. Dabei geht es unter anderem um Machtstrukturen, Religion oder Geschlechterfragen. In „Our Madness“ von João Viana (9.11., 18.30 Uhr), einer Co-Produktion aus Mosambik, Guinea-Bissau, Portugal, Frankreich und Katar, steht eine Frau, offenbar eine Patientin aus einer psychiatrischen Klinik, die getrieben von einer inneren Kraft, aufbricht, um ihren Mann und Sohn zu suchen. Es handelt sich um einen enigmatischen Film, der durch seine Musik auf den Zuschauer eine Suggestion ausübt, die zusätzlich durch die reduzierte Ästhetik der Schwarz-weiß-Bilder unterstrichen wird.

Darüberhinaus sind weitere Länder aus Afrika im Programm von Afrikamera vertreten. So eröffnet das Festival beispielsweise mit einer Beziehungskomödie aus Ghana („Keteke„, Peter Kofi Sedufia, 7.11., 19.30 Uhr) und schließt mit einem Sozialdrama aus Senegal ab. Mit dem Abschlussfilm „Baamun Nafi“ (11.11., 20.30 Uhr) von Mamadou Dia. Das Festival wartet mit einem letzten Höhepunkt des Programms auf und richtet die Deutschlandpremiere des Gewinnerfilms des diesjährigen Locarno-Festivals aus. Dazwischen sind Dramen, Thriller und Komödien zu sehen sowie ein reichhaltiges Kurzfilmprogramm, das verschiedene Genres bedient.

Die Filmschau verkörpert nur einen Aspekt des Festivals. Afrikamera sieht sich nämlich genauso als Vernetzungsplattform. Es genüge nicht, die afrikanischen Regisseure einmalig für die Präsentation ihres Filmes nach Berlin zu holen, ohne ihnen entsprechend die Gelegenheit zu bieten, sich mit Fachleuten wie Produzenten, Verleihern und Festivalmachern zu treffen und auszutauschen, bestätigt Christiane Dramé, Pressebeauftragte des Festivals. Dazu solle eine Reihe von verschiedenen Workshops und zahlreicher Treffen behilflich sein. Dieses Jahr wird es in diesem Sinn erneut eine Residenz geben. Für einen Monat wird der junge Regisseur Joël M’Maka Tchedre aus Togo in Berlin die Zeit bekommen, begleitet von der franko-ägyptischen Regisseurin und Autorin Jihan B-Tahir als Mentorin an der Weiterentwicklung eines Drehbuches zu arbeiten.

Afrika bietet eine fünftägige intensive Reise in Kulturen, die sonst kaum im Mittelpunkt stehen. Der interessierte Besucher wird viel Exotisches in Sachen Landschaft und Alltagsroutine entdecken, aber genau so viel Vertrautes angesichts der vertretenen Werte und der beschriebenen Sorgen erkennen können.

Teresa Vena

Afrikamera von 7. bis 11. November 2019 im Kino Arsenal in Berlin.

Aus dem Programm des Festivals möchten wir insbesondere diesen Film empfehlen…

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2. November 2019 | In AFRIKAMERA

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