"Die Zunahme rassistischer, antisemitischer und völkischer Ideen darf man nicht still hinnehmen"


Die beiden Festivalmacherinnen Lavinia Reinke (links) und Kathrin Ast. Foto: Agentur Tony

Berlin hat ein neues Filmfestival: das Festival politischer Film, das vom 23. bis 26. Januar 2020 im Kino in der Königstadt über die Bühne geht. Die erste Ausgabe des Festivals widmet sich dem Thema „Gegenwartsfilme zum Erbe des Holocaust“ und zeigt eine Auswahl von zwölf internationalen Spiel- und Dokumentarfilmen.
Durch den Fokus auf Werke von Filmemacher*innen der zweiten, dritten und vierten Generation nach dem Holocaust und darüber hinaus durch Filmgespräche, Workshops, Panels und eine Matinee zum Thema „Wie hat sich der Rechtsextremismus / Rassismus in die heutige Zeit bewegt?“ möchte das Festivalteam die Bedeutung des Holocaust für die Gegenwart in den Blick nehmen und neu ausloten.
Als Festivalgäste werden u.a. die Regisseure Philippe Mora („Three days in Auschwitz„, „Snide and Prejudice„), Sebastian Heinzel („Der Krieg in mir„) und Chris Kraus („Die Blumen von gestern„) dabei sein.
Berliner Filmfestivals-Autorin Stefanie Borowsky hat Kathrin Ast und Lavinia Reinke von der Festivalleitung ein paar Fragen zum neuen Festival gestellt. Ein Gespräch über starke Haltungen, Nischenfilme und Traumata aus der Vergangenheit.

Vom 23. bis 26. Januar 2020 findet das „Festival politischer Film“ zum ersten Mal statt. Wie ist die Idee zum Festival entstanden und warum gerade jetzt? Was hoffen Sie, mit dem Festival anzustoßen?
Lavinia Reinke (LR): Angesichts der Zunahme rassistischer, antisemitischer und völkischer Ideen waren wir uns einig, dass man das nicht still hinnehmen darf. Da wir alle aus der Filmbranche kommen, war uns sehr schnell klar, dass wir mit einem Filmfestival, das sich mit gesellschaftlich relevanten Themen beschäftigt, unsere Stimme erheben wollen. Wir wollen Gedanken, Argumente und Meinungen erarbeiten, die eine starke Position in der Auseinandersetzung mit den Urheber*innen dieser Tendenzen ermöglicht. Wir wollen eine Kultur des Diskurses jenseits von Empörung und Ausgrenzung inspirieren. Um das zu erreichen, gilt es aus unserer Sicht, vermeintlich selbstverständliche Haltungen neu zu erarbeiten.

Was ist das Konzept des neuen Festivals? Was erwartet die Filmfestivalbesucher*innen?
Kathrin Ast (KA): Das „Festival politischer Film“ soll ab jetzt jährlich im Januar in Berlin stattfinden. Es wird sich jeweils einem gesellschaftlich-politisch relevanten Thema widmen. In seiner ersten Ausgabe behandelt es Gegenwartsfilme zum Erbe des Holocaust. Das Besondere am „Festival politischer Film“ ist, dass die Zuschauer*innen nicht nur Filme zum Thema sehen können, sondern auch Workshops und Panels, in denen nicht nur mit Filmemacher*innen, sondern auch mit Historiker*innen, Zeitzeug*innen und Betroffenen die Themen erarbeitet und nähergebracht werden.

An die Filmvorführung des Dokumentarfilms „Der Krieg in mir“ von und über Sebastian Heinzel, der als Enkel eines Wehrmachtssoldaten von Kriegsträumen geplagt wird, schließt sich ein Panel mit dem Regisseur sowie u.a. mit Dr. med. Karl-Heinz Rauscher über transgenerationale Traumata an – einen aktuellen Forschungsbereich der Epigenetik. Dr. med. Rauscher bietet im Rahmen des Filmfestivals auch den Workshop „Nationalsozialismus und transgenerationales Trauma“ an, in dem er mit Systemaufstellungen auf persönlicher und kollektiver Ebene arbeitet. Warum ist es Ihnen wichtig, diesem Thema Raum zu geben?
LR: Die meisten Traumata des Holocaust und anderer Naziverbrechen wurden psychologisch nicht aufgearbeitet. Deshalb leben wir auch heute noch in einer traumatisierten Gesellschaft, in der sich die Traumata der Vergangenheit zu wiederholen drohen. Es ist ehrlich gesagt unabdingbar, dass wir uns damit beschäftigen, wenn wir eine Chance haben wollen, die Wunden zu heilen.

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18. Januar 2020 | In Festival politischer Film

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