Diehl: "Ich empfinde das Leben als skandalös kurz"


August Diehl und Valerie Pachner in „Ein Verborgenes Leben“. © Pandora/ Reiner Bajo

Verstehen Sie, warum Menschen im Glauben eine solche Kraft finden?
Ich kann das sehr gut nachvollziehen, obwohl ich selbst nicht gläubig bin. Ersetzt man Glauben durch Gewissen, die sind sich ähnlich, kann ich mir vorstellen, dass Glaube mehr als ein gedankliches Konstrukt in deinem Kopf ist. Es ist eher Musik. Etwas Echtes, Wirkliches. Dass ich das verstehe, hat mit meiner Beschäftigung mit der Rolle zu tun. Es zwingt einem zum Kontemplativen, es zwingt einen in die Stille, das ist wie ein Gebet.
Solche Phasen des Innehaltens und der Konzentration auf etwas, die sind Annäherungen an so etwas. Glaube kann Berge versetzen. Unser Film spielt aber nicht so sehr um Glauben oder Kirche, er thematisiert etwas einfaches, das wir als Kind alle hatten, das Gefühl, was richtig und was falsch ist. Jedes Kind auf diesem Planeten weiß, dass es falsch ist, Menschen zu töten. Kein Kind würde das diskutieren.

Was ist bei Erwachsenen anders?
Mit den Perspektiven, die man als Erwachsener einnimmt, und den Diskussionen, die man führt, erscheint es plötzlich möglich, tausend Menschen zu töten. Franz Jägerstätter sagt mit kindlicher Kraft: „Nein, ich mache das nicht mit!“ Das hat etwas Stures und Starkes, wie es auch ein Kind hat. Der Film ist kein Glaubensbekenntnis, auch nicht für Malick – sondern eine Ode an die Naturverbundenheit und an das elementare Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist.

Eine kindliche Kraft hat auch der Beruf des Schauspielers. Da steckt das Spiel schon in der Bezeichnung drin.
Der Beruf ist eine Verweigerung erwachsen zu werden. Eine Fortsetzung der Kindheit. Ich kann sagen, ich mache genau das, was ich als Kind gemacht habe. Ich habe irgendwann herausgefunden, dass mir andere gerne dabei zusehen. Ich habe das wahnsinnige Glück, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Welche Rolle spielen die Sozialen Medien wie Facebook bezüglich der Streitkultur?
In Facebook gibt es nur den Daumen nach oben, keinen nach unten. Ich bin auf Facebook nicht aktiv und werde dafür immer wieder angegriffen. Das ist einfach nicht meins, auch Instagram nicht. Jedes Bild, egal ob es aus Südamerika oder aus Japan kommt, sieht gleich aus. Wir werden immer mehr uniformisiert. Die Menschheit wird immer mehr zu einem Ding. Man verliert fast die Lust am Reisen, es sieht ja alles gleich aus.

Theater und Film, wie bringen Sie das zusammen?
Ich hatte immer das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen. Es sind die Welten, die da aufeinander treffen und sich nicht verstehen, die Theater- und die Filmwelt. Am Theater haben sie immer gesagt, das ist der Filmschauspieler und beim Film, da ist der von der Bühne. Deshalb war ich nie irgendwo heimisch, hatte auch nie ein festes Engagement irgendwo. Ich habe lange davon geträumt, Teil eines Film-Ensembles zu sein, wie es etwa Cassavetes hatte. In dem man mal eine große Rolle spielt, mal eine kleine. Das macht man nicht mehr so oft. Petzold macht das ein bisschen. Ich mache Film wahnsinnig gerne, aber ich brauche das Theater. In einer Theaterarbeit lerne ich so viel über den Beruf wie in vier Filmen.

Sie arbeiten mittlerweile seit 20 Jahren, da verändern sich Perspektiven. Wie blicken Sie auf diesen Lauf der Zeit zurück?
Ich empfinde das Leben als skandalös kurz. Das Doppelte wäre gut. Dass ich 43 bin, verstehe ich manchmal nicht. Da wache ich morgens auf, sehe meine Lieblingsschuhe und denke, dass die mir in zwei Jahren nicht mehr passen – und merke dann, dass mir meine Schuhe immer passen werden, weil meine Füße nicht mehr wachsen. Das Leben vergeht viel zu schnell, man kommt nicht hinterher. Die Zeit ist subjektiv. Meine Mutter findet das Leben wahnsinnig lang. Meine Tochter ist zehn, vorgestern hatte ich sie noch auf dem Arm. Als Zehnjähriger ist ein Jahr ein Zehntel deines bisherigen Lebens, bei einem Fünfzigjährigen ist das anders. Da wird Zeit auch relativ. Ein Monat ist da nix. Wie die Drehs vorbeigehen, gerade probe ich am Theater und in drei Wochen feiern wir schon wieder Premiere.

Die Fragen stellte Denis Demmerle.

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