Solothurner Filmtage 2020: Werkschau des Schweizer Films


Zu den interessantesten Beiträgen im Bereich Spielfilm stachen der Eröffnungsfilm der Solothurner Filmtage, „Moskau Einfach!“ von Micha Lewinksy heraus sowie der neue Film von Sabine Boss „Jagdzeit„. Beides solide Regiearbeiten, die ein bisschen an der Simplizität der erzählerischen Substanz leiden, aber umso mehr durch ihre Hauptdarsteller, Stefan Kurt in „Jagdzeit“ und vor allem Philippe Graber in „Moskau Einfach!„, glänzen. Graber schließt an seine Rolle in Lewinksys „Der Freund“ (2009) an und liefert eine souveräne, höchst amüsante und schlichtweg meisterhafte Darstellung des gehemmten Geheimagenten, der sich als Mitglied eines Theaterensembles ausgeben und über sich hinauswachsen muss.

Zwei Filme, die in Schweizer Koproduktion entstanden, zeichneten sich schließlich als die persönlichen Höhepunkte des Festivals aus. „Canción sin nombre“ von Melina León erzählt die Geschichte von Indios in Peru, die Opfer einer grausamen Reihe von Verbrechen werden. Die Protagonistin des Films bringt ihr Kind in einer Klinik zur Welt, doch das wird ihr gestohlen und an ein kinderloses Paar im Ausland verkauft. Die Geschichte beruht auf tatsächlichen Ereignissen. Trotz der Schwere des Themas, verfällt die Regisseurin nicht in einen sentimentalen Tonfall und gibt dem Film durch die Schwarz-Weiß-Bildern eine poetische, stimmungsvolle Ästhetik.
Kühl, lakonisch und streng führt „Echo“ von Rúnar Rúnarsson in eine Gesellschaft, die scheinbar zufrieden und satt vor sich hinlebt. Der Episodenfilm, der Alltagsszenen rund um die Weihnachtszeit einfängt, ist eine Co-Produktion mit Island.

Auffällig in diesem Jahr war ein größerer Fokus auf Serien. In diesem Feld tut sich offenbar etwas in der Schweiz. Besonders erfolgreich laufen „Helvetica“ von Romain Graf, in der es geht um Spionage und organisiertes Verbrechen in den hohen Ebenen der Politik geht, und insbesondere „Wilder“ von Pierre Monnard, der auch mit seinem neuen Spielfilm „Platzspitzbaby“ (Drehbuch von André Küttel, nach einem Roman von Michelle Halbheer) große Erfolge feiert). „Wilder“ ist eine Kriminalserie mit einer weiblichen Ermittlerin, die durch persönliche Probleme vermenschlicht wird und dadurch offenbar die Sympathie des Publikums gewinnt. Interessanter und in der schauspielerischen Leistung unübertroffen sticht die zweite Hauptfigur hervor, die von Theaterschauspieler Markus Signer („Der Goalie bin ig„) gespielt wird. In den letzten Jahren entstanden gleich mehrere anspruchsvolle Serienformate, die vielleicht den Bedürfnissen einer neuen Generation von Filmschauenden besser entsprechen und zu einer besseren Identifikation mit dem Schweizer Filmschaffen führen. Der Anteil der Schweizer Film auf dem Heimmarkt ist weiterhin sehr schwach.

Ein Besuch der Solothurner Filmtage lohnt sich immer, dank der Idylle der Stadt, die mit ihrer bedeutenden Geschichte und Architektur ein besonderes Flair besitzt, sowie den kompetenten und freundlichen Mitarbeitern entsteht eine überaus angenehme Festivalatmosphäre.

Teresa Vena

Die Solothurner Filmtage fanden vom 22. bis 31. Januar 2020 statt.

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9. Februar 2020 | In Allgemein

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