Jaeger: "Es ist auch nicht immer einfach, Publikum zu sein"


Frédéric Jaeger, Artistic Director der Woche der Kritik Berlin

Einen Tag vor Beginn der Berlinale eröffnet die 6. Woche der Kritik (WdK), am Mittwoch, den 19. Februar mit einer Konferenz, die die aktuellen Themen des Kinos thematisiert. Wir haben uns mit mit dem künstlerischen Leiter der WdK, Frédéric Jaeger, über das ambitionierte Programm, Filmkritik und generell die Debattenkultur unterhalten…

Die „Woche der Kritik“ übt Kritik, das verrät uns schon der Name. Worauf sollten sich Besucher der WdK-Veranstaltungen einstellen?
Frédéric Jaeger:
Das alle Klischees über Filmkritiker*innen stimmen – und ihr Gegenteil. Kritik macht Spaß, Streit sowieso und sich selbst in Frage stellen kann auch im Kino nicht schaden. Das heißt, es wird hoch hergehen auf der Leinwand und davor, und mit etwas Glück wird der Funke überspringen. Bei uns gibt es Kino immer im Doppelpack: An jedem Abend laufen zwei Filme, oft ein kurzer und ein langer (oder umgekehrt, denn kurze Filme können auch nach langen laufen) – und die Reibungsflächen sind als Inspiration gedacht. Nachdenken, die Sicht auf Kino, Kultur und Politik schärfen, das tun wir gemeinsam und laden alle ein, sich anzuschließen und weitere Aspekte den Debatten hinzuzufügen. Das geht bei uns traditionell schon am Mittwoch los mit einer Konferenz im Theaterdiscounter, bei der wir die Pluralität des Kinos betonen. Danach folgen an sieben Abenden im Hackesche Höfe Kino aufregende, schöne, humorvolle und elegische Filme, die uns zum Diskutieren anregen.

Weiterlesen: Janine Seiler hat sich das Programm der WdK angesehen, lest hier WdK 2020: Möglichkeiten des filmischen Erzählens

Gibt es filmische Schwerpunkte in diesem Jahr?
Besonders hervorheben will ich, dass wir in diesem Jahr neue Experimente wagen. Dazu gehören zwei Kritiker-Streitgespräche, am Sonntag, 23. Februar nach dem brasilianischen Film „Seven Years in May“ und „The Lost Okoroshi“ aus Nigeria und am Mittwoch, 26. Februar nach „Punch-Drunk Boxer“ aus Südkorea und dem portugiesischen Film „Dogs Barking at Birds„. Außerdem zeigen wir einen Überraschungsfilm am Freitag, den 21. Februar nach „Common Birds“, einem Film in dem in der alten Sprache von La Gomera gepfiffen wird und auf Altgriechisch gesungen wird. Den Überraschungsfilm haben nicht wir ausgesucht, sondern das Diskollektiv aus Wien. Danach reden wir darüber, wie die Filme des Abends zusammenpassen oder, sehr viel wahrscheinlicher, warum sie gerade nicht zusammenpassen. Ich kann insofern versprechen, dass man sich bei der Woche der Kritik auf einiges gefasst machen kann.

„In voller Leidenschaft und Offenheit, aber niemals selbstvergessen affirmativ“

Warum passt dieses Format gut neben die Berlinale?
Berlin ist die Stadt der Diskurse. An kaum einem anderen Ort sind die Leute so neugierig und hungrig auf Debatten. Die Woche der Kritik ist da vor sechs Jahren in eine große Lücke vorgestoßen, die die Berlinale in ihrer Ausrichtung hatte klaffen lassen. Seitdem es die Woche der Kritik gibt, haben sich die Debattenangebote der Berlinale tatsächlich vervielfacht. Unter neuer Leitung, zumindest im Jubiläumsjahr, veranstaltet die Berlinale so viele Diskussionen wie nie zuvor. Das bestätigt uns einerseits, hat uns aber auch vor die Frage gestellt, was das für uns heißt. Der Schlüssel ist letztlich einfach: Weil die Woche der Kritik erstens von Kritiker*innen verantwortet wird und zweitens ein kleines, mobiles Beiboot des Tankers ist, befragen wir jedes Jahr aufs Neue alle Routinen. Die der anderen und die eigenen. Wir verstehen uns als Selbstkritik einer wachsenden Festivallandschaft und als Kritik des Kinos, in voller Leidenschaft und Offenheit, aber niemals selbstvergessen affirmativ.

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17. Februar 2020 | In Woche der Kritik

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