Berlinale-Filmkritik: „Dark Blood“ von Georg Sluizer


Der zu früh verstorbene River Phoenix in "Dark Blood". Foto: Berlinale.

Der zu früh verstorbene River Phoenix in "Dark Blood". Foto: Berlinale.

River Phoenix!

Einige Künstler – Springsteen oder U2 vielleicht – meinen, sie hätten alles auf der Straße gelernt. Ich bin im Herzen Künstler, ich habe wirklich alles auf der Bühne gelernt„, schrieb Michael Jackson im Buch „Moonwalk„. Das ist nicht nur eine postmodern-selbstreferentielle Ästhetik, sondern auch gleichzeitig das Schicksal aller Kinderstars – die Bretter, die die Welt bedeuten, bestehen ihrerseits nur aus Brettern. Jeder Kinderstar ist das Produkt einer vergangenen oder andauernden Misshandlung. Denn kein Minderjähriger kann selbständig die Entscheidung treffen, sich als Projektionsfläche, für die ein Auftritt auf der Bühne und/oder vor der Kamera nun einmal da ist, zur Verfügung zu stellen. Judy Garland, Bobby Driscoll, River Phoenix – keiner von Ihnen wurde alt.

River Phoenix war zum Zeitpunkt seines Todes gerade als Schauspieler angekommen. Im Gegensatz zu seinem Freund Johnny Depp galt er aber nicht als Kassengift, sondern als Garant für solide Zahlen im Box Office. Es ist nicht zu dick aufgetragen, wenn man behauptet, das River Phoenix und Johnny Depp heute wahrscheinlich erbitterte Konkurrenten wären, weil sie sich als Typ Schauspieler sehr ähneln. Im Jahr 1995 wirkte Depp dann im Anti-Western „Dead Man“ mit. Zwei Jahre zuvor steckte River Phoenix in den Dreharbeiten zu „Dark Blood„. Weil Phoenix starb, wurde das Projekt bis 2012 auf Eis gelegt, bis Regisseur Georg Sluizer das Material eigenständig schnitt und die fehlenden Szenen durch Standbilder ersetzte.

Herausgekommen ist ein Film, der in seiner Halbfertigkeit merkwürdigerweise besser in das Jahr 2013 passt, als in das Jahr 1993. Wir verfolgen zunächst das Schauspieler-Paar Harry Fisher (Jonathan Price) und Buffy (Judy Davis), die Urlaub machen in der Wüste Arizonas. In den Bildern Sluizers findet sich nichts vom Idyll des Wilden Westens wieder. Es ist trostlos, verarmt und menschenleer. Nach einer Nacht im Motel, das früher regelmäßig ausgebucht war, weil es mal eine Zeit gab, wo Menschen freiwillig Atomtests zusahen, verfahren sich beiden hoffnungslos und enden benzinlos im Nirgendwo. Buffy beschließt Hilfe zu holen und trifft dabei auf Boy (River Phoenix). Der holt beide zu sich nach Hause und verspricht sie am nächsten Morgen in die Stadt zu bringen. Nun wie es mit Versprechungen nun einmal so ist – Boy hat nicht vor die beiden gehen zu lassen. Buffy soll bei ihm bleiben. Weder Harry noch Buffy begreifen, dass sie sich in dem Auflösungs- und Selbstzerstörungsprozess wieder finden, den ihre Lebenswelt herbeiführte.

Auf eine äußerst perfide Art und Weise lebt Boy den amerikanischen Traum. Völlig selbstgerecht schikaniert er seine Gäste, versucht insbesondere Buffy in seine kryptische, religiöse Welt zu ziehen und begreift scheinbar wirklich nicht, dass er damit nur Antipathie erntet. Florencia Di Concilios Musik erinnert stark an die Gitarrenarbeit von Neil Young bei „Dead Man“. Die Atmosphäre des Films ist eine unwirkliche. Ein arider Alptraum ohne großartige dramaturgische Höhepunkte. „Dark Blood“ wäre vielleicht einer der Filme der 1990er geworden, eine posthume Entdeckung lohnt sich aber auf jeden Fall. Schon River Phoenix zu Liebe.

Joris J.


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