“Kid-Thing” von David Zellner

Texanische Wegwerfkultur

Texanische Wegwerfkultur

Rebellion aus Gleichgültigkeit

Annie hat keine Freunde. Ihre einzige Bezugsperson ist Marvin, der aber einen vergleichsweise schlechten Vaterersatz abgibt und stattdessen lieber den ganzen Tag pennt oder mit seinem Kumpel rumhängt. Weil Annie allein ist und im ländlichen Texas leider nicht allzu viel passiert, vertreibt sie sich ihre Zeit meist mit Vandalismus. Egal, was sie anfasst, alles wird auf seine potenzielle Zerstörbarkeit hin überprüft – Annies Kreativität reicht da von Barbiepuppen in ihre Einzelteile zu zerlegen bis hin zu Feuerwerksexperimenten mit Obst. Die 10-jährige Hauptfigur liefert mit ihrer unmotivierten Zerstörungswut immer wieder Vorlagen für Situationskomik, was sie sich offenbar bei Marvin abgeschaut hat, denn der verbringt seine viele Freizeit auch gern mit unnützen Dingen. Er hypnotisiert Hühner oder hört sich mit seinem Kumpel Opernarien an und prügelt sich währenddessen.

In der Welt von “Kid-Thing” trifft amerikanische Südstaaten-Natur auf texanische Wegwerfkultur. Überall findet sich Liegengelassenes, unbrauchbar Gewordenes, Abfälle der Zivilisation und mittendrin ein Kind, dass völlig vernachlässigt wird und nicht mal in die Schule geht. Wenn die Kamera Annie bei ihren Streifzügen begleitet, dann immer in gleichmütiger, stiller Manier, beobachtend und abwartend, niemals kommentierend und wertend. Als Annie mal wieder im Wald morsches Holz kurz- und kleinschlägt, hört sie plötzlich den Hilferuf einer Frau, die in einen metertiefen Schacht gestürzt ist. Während jedes andere sozial entwickelte Kind sofort einen helfenden Erwachsenen herbeigeholt hätte, ist die 10-jährige mit dieser Situation völlig überfordert. Anfangs die Hilferufe noch ignorierend, bringt sie der verletzten Esther im Schacht schließlich selbstgemachte Sandwiches, Klopapier und ein Walkie Talkie, denn anscheinend hat die Neugierde doch überwogen. Allerdings zweifelt sie, ob sie Esther wirklich retten soll, schließlich könnte sie eine Hexe oder der Teufel höchstpersönlich sein. Es ist grotesk und beinah unlogisch, dass ein derartig verwahrlostes Kind religiöse Werte mit auf den Weg bekommen hat, die es letztlich darin behindern, das Richtige zu tun.  Wie könnte Annie auch, der nie ein Sozialverhalten beigebracht wurde und der alle Menschen nur mit Aggression oder Gleichgültigkeit gegenübertreten, sich verpflichtet fühlen zu helfen?

Sich in eine derartige Lage zu versetzen, fällt einem schon als Zuschauer beim Betrachten schwer und umso erstaunlicher ist es, dass Sydney Aguirre, für die “Kid-Thing” übrigens die erste Hauptrolle in einem Spielfilm war, das offensichtlich konnte. Die Jungschauspielerin verkörpert eine Figur, die überhaupt nicht damit beschäftigt ist, aufgrund kindlicher Unschuld Sympathiepunkte zu sammeln. Was sie tut, ist zum Teil durchaus bösartig und unrecht, etwa wenn sie die Geburtstagstorte eines Mädchens im Rollstuhl mit dem Baseballschläger plattmacht und anschließend das Geschenk klaut. Allerdings macht “Kid-Thing” deutlich klar, dass nicht sie selbst daran Schuld ist: Annie kann und will niemandem gefallen, lebt sie doch in einer Welt, aus der sie eigentlich ausbrechen möchte, weil sich niemand einen Dreck um sie schert. Die große Leistung von Regisseur David Zellner ist wohl, dass der Film soziale Probleme kritisch betrachtet, dabei aber völlig auf den moralischen Zeigefinger verzichtet. “Kid-Thing” funktioniert nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip, denn wer immer in Annies Haut steckte, würde vermutlich genauso handeln – ungeachtet eines zu rettenden Menschenlebens.

Alina Impe

Berlinale-Termine: So 12.02., 13.45 Uhr, CineStar 8; Di 14.02., 20 Uhr, Colosseum 1; Do 16.02., 22.30 Uhr, Cubix 9


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