67. Berlinale: “Back for Good” von Mia Spengler


Kim Riedl glänzt in der Hauptrolle in "Back for Good" von Mia Spengler © Zum Goldenen Lamm

Kim Riedl glänzt in der Hauptrolle in “Back for Good” von Mia Spengler.
© Zum Goldenen Lamm

Trash-TV trifft Tupperparty

Für Trash-TV-Sternchen Angie (Kim Riedle) läuft es schlecht. Ein gefakter Drogenentzug soll ihr als Eintrittskarte ins Dschungelcamp dienen, aber dann streicht der Dschungel-Manager Angie kurzerhand von der Liste der Kandidaten. Als sie auch noch alle Fake-Freunde im Stich lassen und sich weigern, Angie bei sich aufzunehmen, sieht sich die 30-jährige gezwungen, in ihr Kinderzimmer in einem Provinzkaff zurückzukehren. Angies verhasste Mutter Monika (Juliane Köhler), die ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Tupperware verdient, und die pubertierende und zudem epilepsiekranke kleine Schwester Kiki (Leonie Wesselow) reagieren alles andere als begeistert. “Die Leute lachen nicht mit dir, sondern über dich, Angela”, kommentiert Monika trocken, als sie ihre Tochter aus der Entzugsklinik abholt. Zum Dank zerkratzt Angie eine Tupperbox.

Doch die drei Frauen verbindet mehr, als sie zugeben würden: der verzweifelte Kampf um ein bisschen Bestätigung und ein bisschen Aufmerksamkeit – und wenn die eigene Würde dabei verlorengeht. Während Monika krampfhaft darum kämpft, im örtlichen Line Dance-Club in der ersten Reihe zu tanzen, lädt Kiki ein dilettantisches Line Dance-Video bei YouTube hoch. Der Drehort: ihr Kinderzimmer. Der Wunsch: möglichst viele Follower zu gewinnen. Auch das Scheitern verbindet die drei Frauen. Während Angie nicht ins Dschungelcamp darf und dadurch erneut zur Enttäuschung für Mutter Monika wird, stechen die anderen Tänzerinnen Monika beim Line Dance aus und Kiki wird wegen ihres Videos von ihren Mitschülern gemobbt.

Als Monika beim Line Dance-Turnier plötzlich zusammenbricht und für einige Zeit ins Krankenhaus kommt, muss Angie lernen, Verantwortung für Kiki zu übernehmen – und für sich selbst. Nach und nach brechen alte Wunden auf. Angie muss sich ihrer Vergangenheit stellen und plötzlich kommt unter all den Make-Up-Schichten, den falschen Wimpern, den Kunstpelzmänteln und Glitzerklamotten eine verletzbare junge Frau mit großem Herzen zum Vorschein – eine Kämpferin, die für ihre Lieben durchs Feuer geht.

Angie, blondiert bis in die Extensions, brutzelbraun dank “Assitoaster” und aufgestylt bis hin zur glitzernden Playboybunny-Handyhülle, ist so brutal ehrlich, dass es wehtut. Auf naiv-pragmatische, politisch inkorrekte Art kämpft sie sich durch ihr neues, altes Leben in der Provinz, wo zwischen Reihenhäusern und Waxing-Studios neue Herausforderungen auf sie warten. Als sich Kikis Mitschüler beim Line Dance-Turnier über deren Epilepsie-Schutzhelm lustig machen, stopft Angie einem der Jungs kurzerhand ein Mettbrötchen in den Allerwertesten. Auch Coco Caine, eine Schülerin, die auf YouTube über Kiki herzieht, bekommt es mit Angie zu tun.

Die Annäherung zwischen Angie und Kiki findet – wie sollte es anders sein – über das Medium YouTube statt. Angie hilft Kiki, ein cooles “What’s in my bag”-Video zu drehen, denn um Follower geht es immer. Sie sind die Währung in einer Welt, in der viele Menschen bereit sind, für einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit ihre Würde und Selbstachtung aufzugeben. So dient der Titel “Back for Good“, entliehen einem Take That-Song aus den Neunzigern, als Verweis auf Angies Jugend, die den ganzen Film über nachwirkt…

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