“Transit” von Christian Petzold


Die mysteriöse Geistergeschichte der verlorenen Seelen in einem Übergangszustand spiegelt sich in den Widersprüchen des komplexen Spielortes Marseille. Zwischen den Polen einer Industrie- und Hafenstadt, eines sonnendurchfluteten Touristenziels und gleichsam einem Anlaufpunkt für Geflüchtete aus (Nord-)Afrika, verzerrt sich Georgs Identität zunehmend. Wo endet seine Persönlichkeit und beginnt die des toten Schriftstellers Weidel, dessen Papiere er verwendet und dessen Lebensweg sich zunehmend mit dem seinen überlagert? Schauspielerisch sticht besonders Franz Rogowski in der Hauptrolle hervor, der mit einer Mischung aus Passivität und Zurückhaltung die Zerrissenheit der Figur offenbart. In einem solchen symbolischen Machtsystem, verkörpert von Polizisten in Kampfausrüstung, langen Warteschlangen und mächtigen Personen hinter großen Schreibtischen bei der Visabehörde, zeigt sich sein Zustand der Auslieferung.

Bei dem unmittelbaren Transfer von Anna Seghers’ Geschichte in das Hier und Jetzt eröffnen sich jedoch einige Nachlässigkeiten in der Inszenierung. So entgeht Georg der groß angelegten militärischen Kontrolle der Polizeitruppen an mehreren Stellen auf einfache Weise per Flucht durch ein Fenster oder mithilfe eines einfachen Schlags in das Gesicht eines Polizisten, der ihn umgeben von zahlreichen Kollegen zur Herausgabe seiner Papiere auffordert.
Mag sein, dass Petzold durch diese simple Vorgehensweise die Hochrüstung des faschistischen Staatsapparates als Farce bloßlegen möchte. Doch hinsichtlich des aktuellen staatlichen Vorgehens gegen Widerständler, das beispielsweise bei den G20-Protesten in Hamburg hinreichend dokumentiert wurde, erscheinen derartige Auswege als unzureichend vereinfachte Darstellung einer zunehmenden Militarisierung der Staatsgewalt. Ungeachtet dessen lassen sich Ausweispapiere hier noch durch einen mit dem Stift nachgezeichneten Stempel kopieren und Kontrollmechanismen wie Kameraüberwachung finden keine Erwähnung. Diese Aspekte wären durchaus notwendig, um den Transit der Handlung in die heutige Zeit nicht nur symbolisch, sondern logisch nachvollziehbar durchzuführen.

Henning Koch

Transit“, Regie: Christian Petzold; DarstellerInnen: Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman, Maryam Zaree, u.a.; Kinostart: 5. April 2018

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