„U – July 22“ (OT: „Utøya 22. juli“) von Erik Poppe


In "U – July 22" thematisiert Regisseur Erik Poppe im Berlinale Wettbewerb das norwegische Drama aus dem Jah 2011. © Agnete Brun

In „U – July 22“ thematisiert Regisseur Erik Poppe im Berlinale Wettbewerb das norwegische Drama aus dem Jah 2011. © Agnete Brun

Ein Reenactment des Unbegreiflichen

Videoaufnahmen von Überwachungskameras zeigen die gewaltige Explosion einer Autobombe, welche das Regierungsviertel in Oslo am 22. Juli 2011 um 15:25 Uhr erschütterte. Um 17:27 Uhr befinden wir uns auf der kleinen Insel Utøya, wo das Sommercamp der Arbeiterpartei stattfindet. Die Jugendlichen sehen genau diese Bilder auf ihren Smartphones, die Nachricht verbreitet sich rasend schnell. Die Kamera heftet sich an die Fersen der 18-jährigen Kaja (Andrea Berntzen), die vom Zeltlager zu einem Grillplatz läuft. Dort diskutieren die Jugendlichen aufgeregt über die Vorfälle. Diese scheinen jedoch in weiter Ferne zu liegen. „Wir sind auf einer Insel. Das ist der sicherste Ort auf der ganzen Welt.“, sagt jemand aus der Gruppe. Plötzlich fallen die ersten Schüsse.

Was sich ereignet, ist uns als Zuschauer selbstverständlich bereits im vorhinein präsent. Die Nachrichtenbilder gingen um die Welt, der Filmtitel „Utøya 22. juli“ lässt keinen Zeifel an der Thematik. Der genaue Ablauf bleibt allerdings unverständlich, vor allem jedoch unbegreiflich. Der Regisseur Erik Poppe versucht ein gewagtes filmisches Experiment: Ein Reenactment, welches in einer einzigen Kameraeinstellung die damaligen Geschehnisse nachempfinden will. Die stabilisierte Handkamera ist dabei konsequent auf Augenhöhe mit den Jugendlichen. Wenn diese sich hinter einem Erdhügel verstecken, geht sie mit ihnen in Deckung.

Hierdurch wird die Situation auf grausame Weise erlebbar gemacht. Dazu trägt die Identifikation mit den Jugendlichen bei, die sich auf der Flucht befinden, allen voran Andrea Berntzen als Kaja in einer herausragenden ersten Rolle. Der Film will diese auswegslose Situation fernab jeglicher Infrastruktur nicht erklären oder verständlich machen, das könnte er auch gar nicht. Vielmehr ist es der Versuch einer filmischen Aufarbeitung. Die Beteiligten werden als ganz normale Jugendliche gezeigt. Schockiert und atemlos fragen sie sich: „Was passiert hier eigentlich gerade? Ist das eine Art Übung?“ Doch spätestens, nachdem die ersten blutüberströmten Opfer mit Schussverletzungen auf dem Boden liegen, sind sich alle über den Ernst der Lage bewusst. Die Natürlichkeit der Darstellungen und Dialoge sticht besonders hervor. Kleine Details wie eine Mücke auf dem Arm bekommen in diesem Zusammenhang eine existenzielle Bedeutung.

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17. September 2018 | In Internationale Filmfestspiele Berlin

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