69. Berlinale: „Eine Kolonie“ von Geneviève Dulude-De Celles


Regisseurin Geneviève Dulude-De Celles erzählt in ihrem Langfilmdebüt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. © Danny Taillon

Anderssein ist auch okay!

Die 12-jährige, introvertierte Mylia (Émilie Bierre) lebt mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Camille (Irlande Côté) in einem ländlich gelegenen Haus in der kanadischen Provinz Québec. Als ein Hund sich eins von Camilles Hühnern schnappt, kommt ihr ein Junge zu Hilfe und schafft es, den Hund zu beruhigen. Jimmy (Jacob Whiteduck-Lavoie), der Hundeflüsterer, kommt aus dem benachbarten Abenaki-Reservat.

Wenig später trifft Mylia Jimmy in ihrer neuen Schule wieder, in der sie kaum Freunde findet und sich zwischen den oberflächlichen Mitschülerinnen nicht wohlfühlt. Auch Jimmy ist ein Einzelgänger, der wegen seiner Herkunft aus der indigenen Bevölkerung von den Mitschülern und Mitschülerinnen gehänselt wird.

Als im Unterricht über Kolonialgeschichte gesprochen wird, äußern die MitschülerInnen ihre Vorurteile gegenüber „Native Americans“ vor der ganzen Klasse und werten die autochthone Bevölkerung als unzivilisiert ab. Normalerweise scheint es Jimmy kaum zu interessieren, was die anderen von ihm denken. Der ruhige, nachdenkliche Junge ist ganz bei sich. Doch als er wegen seiner Wurzeln gedemütigt wird, wehrt er sich. Mylia macht sich im Gegensatz zu den anderen Jugendlichen nicht über Jimmy lustig, sondern ist ernsthaft interessiert an seiner Identität und seiner Sprache.

Auf diese Weise verbindet die Regisseurin und Drehbuchautorin Geneviève Dulude-De Celles in „Eine Kolonie“ Québecs Kolonialgeschichte mit der freundschaftlichen Annäherung zweier Außenseiter. Mit „Eine Kolonie“ zeigt die Sektion Generation nach „Hand aufs Herz“ von Luc Picard, der 2018 den Gläsernen Bären gewann, einen weiteren starken Beitrag aus Québec, der wieder einen Teil der Geschichte der kanadischen Provinz mit einem Coming-of-Age-Film verbindet.

Weiterlesen: Unsere Kritik zu „Hand aufs Herz“ von Luc Picard.

Selbstfindung und Persönlichkeitsentwicklung sind die großen Themen des Films. Die eher schüchterne und selbst unsichere Mylia ist hin- und hergerissen zwischen Gruppenzwang und ihren eigenen Wünschen. Ihr Selbstbild ist noch nicht gefestigt. Einerseits will sie dazugehören und lässt sich überreden, ihrer Mitschülerin Jacinthe (Cassandra Gosselin-Pelletier) bei den Hausaufgaben zu helfen, die sie daraufhin zu ihrer Party einlädt. Andererseits merkt Mylia immer wieder, dass sie gar nicht zu den anderen passt, deren Leben hauptsächlich aus Feiern, Shoppen, Schminken, ersten Kontakten zu Jungs und Alkohol besteht. Mylia unterscheidet sich von den anderen, wirkt natürlicher, wissbegieriger und intelligenter.

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