69. Berlinale: „The Souvenir“ von Joanna Hogg


Regisseurin Joanna Hogg brachte ihr Werk „The Souvenir“ ins Berlinale Panorama 2019. Ihr Cast kann sich sehen lassen: Tilda Swinton, Tom Burke und Honor Swinton Byrne (v.l.n.r.). © Nicola Honor

Vexierbilder einer Filmemacherin

Die britische Regisseurin Joanna Hogg ist seit dem Beginn ihrer Filmkarriere mit Tilda Swinton befreundet. Diese war – damals noch vollkommen unbekannt – bereits in ihrem Abschlussfilm „Caprice“ (1988) die Hauptdarstellerin. In „The Souvenir“ spielt nun deren Tochter Honor Swinton Byrne ihre erste große Rolle.

In den 1980er Jahren studiert Julie (Honor Swinton Byrne) an einer Filmhochschule in London. Sie ist auf der Suche nach ihrem eigenen Stil und plant, einen Film über die Arbeiterklasse im nordenglischen Sunderland zu drehen. Zeitgleich beginnt sie eine fordernde Beziehung mit dem deutlich älteren Anthony (Tom Burke). Dessen Fachwissen und Reife beeindrucken sie, denn er scheint ihre Ideen ernst zu nehmen, auch wenn er seine eigenen Konzepte über die Filmkunst mit einer gewissen Überheblichkeit vorträgt. Gemeinsam diskutieren sie die Abbildung von Realität und Fiktion im Kino, denn ihr Projekt soll weder sozialrealistisch noch reine Fiktion sein, wie Julie anmerkt. Doch unter Anthonys liebevoller, aber auch reservierter Oberfläche scheinen einige Geheimnisse zu schlummern.

Für ihr Porträt der unerfahrenen Filmemacherin Julie wählt Hogg das Mittel der Autofiktion. In der Handlung offenbaren sich eine Reihe von autobiographischen Erlebnissen aus der Vergangenheit zu Beginn ihrer Karriere. Diese werden durch den Spiegel der Fiktion gebrochen und in Form einer Neuinterpretation der Ereignisse dargestellt. So studierte Hogg in den 80ern an der National Film and Television School in Beaconsfield und stellte der Hauptdarstellerin Swinton Byrne als Vorbereitung auf die Rolle ihre privaten Tagebücher und Fotografien aus der damaligen Zeit zur Verfügung. Ebenso verbrachte sie damals Zeit in Sunderland, wo sie die zerfallenden Schiffswerften aus der Thatcher-Era fotografisch festhielt. Diese Fotografien verwendet Julie in „The Souvenir„, um ihre eigene Filmidee zu bewerben. Julies Apartment wurde ihren Erinnerungen an die eigene Studentenwohnung nachempfunden. Für die Rekonstruktion verwendete sie auch Archivmaterial: Die Szenerie vor den Fenstern der Wohnung sind Projektionen von Aufnahmen, die Hogg damals aus ihren Fenstern heraus mit einer Kamera aufgenommen hatte.

Der Vexierspiegel, durch den die Ereignisse in „The Souvenir“ abgebildet werden, findet dabei auch einen direkten Platz im Szenenbild. In Julies Studentenwohnung, wo sich der Großteil der Handlung abspielt, befindet sich eine Wand aus quadratischen Spiegelplatten, die in die Bildgestaltung eingebunden werden. Häufig sind die Einstellungen durch deren Reflektionen oder bildtrennende Elemente wie Türrahmen fragmentiert, um die zunehmende Distanz in der unbeständigen Beziehung zwischen Julie und Anthony zu symbolisieren. Ganz so, wie Anthony es zu Beginn in einer Diskussion über die filmischen Mittel formuliert: „We don’t want to see life played out as is, we want to see life as it is experienced within this soft machine.“

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