70. Berlinale: „Es gibt kein Böses“ (OT: „Sheytan Vojud Nadarad“/ „There is no evil“) von Mohammad Rasoulof – Goldener Bär für den Besten Film


Baran Rasoulof, Tochter von Regisseur Mohammad Rasoulof, übernimmt in „Es gibt kein Böses“ die Rolle ihres Lebens. © Cosmopol Film

‚Nein‘ ist immer eine Option

Gehorsamkeit ist in einem repressiven System die zerstörerischste aller Waffen, so die Aussage in Mohammad Rasoulofs neuem Film „Es gibt nichts Böses“ („There is no evil„). Sie zwingt eine undefinierte Masse, einem von Unrechtsgesetzen bestimmten Alltag zu folgen, und nährt den Kreislauf einer Machtstruktur, die ihre Bürger in die Entmündigung nötigt. Wie steht es also um die Möglichkeit des freien Willens in einem Unterdrückerstaat, der sein Volk auf Knechtschaft drillt und die Befolgung der Gesetze an Prämien wie Führerschein, Pass und Job knüpft und bei Befehlsverweigerung mit Freiheitsentzug oder Tod droht? Ist Nein zu sagen eine echte Option? Der iranische Filmemacher meint Ja. Nein ist immer und für alle eine Option und beweist es selbst, wie viele seiner iranischen Filmkollegen, mit dem eigenen Ungehorsam. Denn wer nicht protestiert, wird zum Steigbügelhalter des Staatsapparates. Doch der Preis der Freiheit ist hoch.

In vier Episoden erzählt „There is no evil“ von Schuld, Moral und individueller Verantwortung. Eigene Erfahrungen und Geschichten sind es, die der seit 2017 im Iran erneut festgehaltene Regisseur in seinem heimlich und an der Zensur vorbei gedrehten Film verarbeitet. Da ist zum Beispiel Heshmat, der gleich im ersten Teil des Filmes auftaucht. Ein Familienvater, der mit seiner Frau im Auto über den Alltag streitet, seine Tochter von der Schule abholt, einkaufen geht, seine kranke Mutter versorgt und seiner Frau auch schon mal die Haare färbt. Erst am Ende der Episode, die den gleichen Titel wie der gesamte Film trägt, erfährt der Zuschauer etwas über die wahren Abgründe Heshmats und ist unwillkürlich mit Hannah Ahrendts Analyse zur ‚Banalität des Bösen‘ konfrontiert.

Diese erste Geschichte basiert auf einer Begebenheit, bei der der Filmemacher in den Straßen Teherans unerwartet auf seinen Vernehmungsbeamten traf, der mit dem Mann, der ihn zehn Jahre zuvor im Gefängnis verhörte, jedoch nichts gemein zu haben schien. „Das war kein Monster, er hatte nichts Böses“, so Mohammad Rasoulof im Berlinale-Skypeinterview. Es sei lediglich ein Mann gewesen, „der vermutlich die Konsequenzen seiner eigenen Handlungen nie infrage gestellt hatte. Jemand, der unterbewusst alles akzeptierte, das die Autoritäten ihm beigebracht hatten.“ Diese Begegnung war ausschlaggebend für die im Film gestellte zentrale Frage, wie das Leben für jemanden aussieht, der Nein sagt zum autoritären Regime.

Eine Frage, die auch die drei darauffolgenden Kapitel beschäftigt, in der der 47-Jährige die Wesenszüge und Motive der Menschen auslotet, die sich im Gehorsam beugen und von denen, die bei allen Konsequenzen hartnäckig Widerstand leisten. Es sind intensive Kapitel, die von Soldaten und Deserteuren berichten, von perfiden Belohnungssystemen und Geburtstagen, gezähmten wilden Tieren und Vätern, die durch Repressionen von ihren Kindern und Familien getrennt sind. Wie privat die Geschichten sind, kann man greifen, als Rasoulofs Tochter Baran in der letzten Episode eine Tochter spielt, die ihre bis dahin gelebte Lebenslüge entdeckt und erst einmal Verständnis für die Umstände, die dazu führten, aufbringen muss.

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