„Undine“ von Christian Petzold


Paula Beer und Franz Rogowski in „Undine“ von Christian Petzold. © Hans Fromm/Schramm Film

Der Wassergeist von Berlin-Mitte

Den alten Mythos des weiblichen Wassergeistes Undine verlegt Christian Petzold in seinem neuen Film ins Berlin der Gegenwart – eine Stadt, die bekannterweise auf Sumpfland entstanden ist. Hier arbeitet die promovierte junge Historikerin Undine (Paula Beer) als Museumsführerin und erklärt Tourist*innen und anderen Interessierten anhand von Stadtmodellen die Geschichte Berlins. Petzolds Undine hat rote Locken und erinnert damit ein bisschen an Disneys Arielle, die Meerjungfrau.

Als Undines Verlobter Johannes (Jacob Matschenz) sie mit unbeholfenen Worten für eine andere Frau verlässt („Du hättest es ahnen können!“), macht Undine ihm so unaufgeregt wie unmissverständlich klar, was ihm bevorsteht: „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten. Das weißt du doch.“ Johannes begreift noch nicht, wie ernst es Undine ist. „Lass den Scheiß“, erwidert er genervt.

Doch nach dem folgenschweren Gespräch mit Johannes verliebt sich Undine unverhofft neu – in Christoph (Franz Rogowski), dem ihr Vortrag zur Geschichte Berlins sehr gefallen hat und der als Industrietaucher an einem Stausee in Nordrhein-Westfalen arbeitet. Die beiden wasseraffinen jungen Menschen begegnen sich in einem Altberliner Café nahe dem Museum zum ersten Mal – vor dem Aquarium, das durch Undines magische Kraft zerspringt und seinen gesamten Inhalt samt Fischen und Algen auf die beiden ausschüttet. Der flutartige Aquarienvorfall zieht einiges nach sich: Hausverbot im Café des Geschehens für Undine und, viel wichtiger: die ungewöhnliche, dramatische und zuweilen auch urkomische Liebesgeschichte, die sich zwischen Undine und Christoph entfaltet. Doch die Zukunft der beiden steht auf wackligen Beinen, denn eigentlich ist Undines Schicksal ja besiegelt. Der Sage nach muss sie den untreuen Mann töten und ins Wasser zurückkehren.

Als Undine und Christoph einmal gemeinsam im nordrhein-westfälischen Stausee tauchen, diesem seltsam abgelegenen Nicht-Ort, in dem der dicke Wels Gunther lebt, entgleitet Undine Christoph. Panisch versucht er, sie am Ufer des Sees „Stayin‘ Alive“ singend zu reanimieren. So hat er es gelernt, der Rhythmus des Songs passt zum medizinisch empfohlenen Reanimier-Rhythmus. Das Lied hört sich Undine später lächelnd noch einmal an – sie will Mensch bleiben, will nicht zurück in die mythische Unterwasserwelt, aus der sie kommt. Kann sie aus ihrem vorbestimmten Schicksal ausbrechen und sich dagegen auflehnen, ihren eigenen Mythos zerstören und selbstbestimmt Mensch bleiben – der Liebe wegen?

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