“Beyond the Hill” von Emin Alper


Filmszene: "Beyond The Hill", Foto: Berlinale

"Beyond the Hill": Als es dunkel wird, fallen plötzlich Schüsse. Foto: Berlinale

Psychotisches Männercamping

So ein Ausflug in die Natur gilt ja allgemein als sehr erholsam. Frische Luft, lange Spaziergänge und nächtliches Campen am Lagerfeuer – so in etwa hat sich das Nusret wohl vorgestellt, als er mit seinen beiden Söhnen Caner und Zafer für ein paar Tage raus in die Berge fährt, um dort Großvater Faik zu besuchen. Für heranwachsende Jungs wie Caner und Zafer stellt sich die dort vorgefundene Idylle eher als unspektakulär heraus, aber das macht nichts, denn für solche Fälle hat Opa extra ein paar Gewehre parat, die für entsprechende Abwechslung sorgen sollen. Das Herumtragen von Schusswaffen gehört für ihn sogar zum Alltag, denn hinter einem Berg lauern feindliche Nomaden, die ihm ständig sein Land streitig machen. Zum Glück sind sein anderer Sohn Mehmet und dessen Frau und Kinder in diesem andauernden Kampf an seiner Seite. Und der Besuch aus der Stadt ist ein willkommener Grund, den Nomaden mal eben eine Ziege zu klauen, die es später zum Abendbrot geben wird.

Beyond the Hill” (“Tepenin Ardı“) scheint in den ersten Minuten einen harmlosen türkischen Männerurlaub zu versprechen, doch Emin Alpers Kameraarbeit, die bedrückende Stille und die hohen Felswände prophezeien schon bald, dass es ganz anders kommen soll. Nur selten wird diese Ruhe durchbrochen, wenn Faik zwischendurch die Namen seiner herumstromernden Enkel über die Berge hinwegkrakeelt. Ein Mobiltelefon ist hier überflüssig. Während Caner sich später von seinem Großvater in die Schießkünste einweihen lässt, dabei allerdings kläglich versagt und beinah seinen Cousin abknallt, hat Zafer mit Waffen nicht viel am Hut. Lieber  nimmt er in der Zwischenzeit ein ausgedehntes Bad im Bach und halluziniert währenddessen die Kameraden aus seiner Militärzeit herbei.

Als es dunkel wird, fallen plötzlich Schüsse. Das Resultat ist Faiks erschossener Schäferhund, bestimmt waren es die Nomaden oder aber möglicherweise sein Enkel Caner, der unbedingt Krieg spielen musste und sich nun ziemlich verschwiegen gibt. Vielleicht kommt es ja nicht raus. Die Erwachsenen sind ohnehin damit beschäftigt, am Lagerfeuer die unrechtmäßig erworbene Ziege zu vertilgen und kräftig mit Schnaps nachzuspülen. Großvater Faik übt sich zwar immer noch in Habt-Acht-Stellung, nur leider entgeht ihm dabei, dass Nusret irgendwann beschließt seiner Schwägerin, die von den Männern zum Kochen und Putzen lieber in die schäbige Hütte verbannt wurde, mal einen Besuch abzustatten und zu sie zu vergewaltigen. Durch die Schönheit der Landschaft kann der ziemlich betrunkene Nusret wohl seine eigene Natur nicht mehr so recht im Zaum halten. An diesem Punkt des Films wird klar, dass keine der Figuren einer Zuschaueridentifikation würdig ist und man ein wenig hilflos zusehen muss, wie der desaströse Familienurlaub auf der Leinwand seinen Lauf  nimmt.

Nusret kriegt für sein Handeln gleich am nächsten Tag die Quittung, als er auf dem Weg zum Blase entleeren angeschossen wird – natürlich von den mysteriösen Nomaden, die sind bestimmt immer noch sauer wegen der Ziege. Jetzt reicht es Faik endgültig. Wild entschlossen trommelt er seine Familie zu einer Kompanie zusammen und spätestens hier wird deutlich, dass Opa Faik neben seiner Waffe ebenso eine große Portion Verfolgungswahn und Paranoia mit sich herumträgt. Regisseur Emin Alper schockiert mit diesem Portrait von einer Familie, die im Angesicht atemberaubender Berglandschaft ihre eigenen Abgründe öffnet und dabei einen Psychosengipfel nach dem anderen erklimmt. Aber schuld sind immer die Anderen:  Die Nomaden, dort hinter dem Berg.

Alina Impe

Beyond the HillRegie: Emin Alper, Darsteller: Temer Levent, Reha Özcan, Mehmet Özgür, Berk Hakman, Kinostart: 15. November 2012

11. November 2012 | In Allgemein | Keine Kommentare »

Schlagwörter: Berlinale, Beyond The Hill, Emin Alper, Filmkritik, türkischer Film

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