BFI London: “You were never really here” von Lynne Ramsay


Der Thriller ist ein kurzer Ausschnitt aus Joes Leben, mit offenem Ende. Gerüchten zufolge soll Ramsay “You were never really here” unfertig auf die Filmfestivals geschickt haben. Sofern dies stimmt, war dies eine gute Entscheidung. Der Film hätte auch ein weiteres, beliebiges “Die Hard” oder “Taken” werden können, denn die Storyline ist relativ konventionell: Joe erhält den Auftrag das Mädchen Nina (Ekaterina Samsonov) aus einem Pädophilen-Ring zu retten und den Männern dahinter “richtig weh zu tun” – dies tut er auch skrupellos. Als er Nina allerdings zurückbringen will, wird ihm klar, dass der Ring bis in die Politik reicht. Fortan macht er die Rettung des Mädchens zu seiner eigenen Mission.

Dadurch, dass Joes Innenleben und Traumata im Vordergrund stehen und nicht der Plot selbst, ist “You were never really here” kein Action-, sondern ein Psychothriller. Die Halluzinationen und Flashbacks von Joe tun weh, fast minütlich wird jemand umgebracht oder verletzt. Dargestellt bis ins kleinste Detail. Gewalt bleibt ein ständiges Thema.
Allerdings ist Joe kein blutrünstiger und kalter Mensch. Er kümmert sich um seine Mutter, er will Nina aus ihrem Elend retten und als er einen FBI-Agenten erschießt, hält er dessen Hand in einer der absurdesten Szenen des Films und singt einen Schlager mit ihm, bis der Agent stirbt.

Die meiste Zeit des Film bleibt unklar, was Rückblende, Halluzination oder Realität ist. Ist Joe auf einem paranoiden Trip? Zieht er sich wirklich mit einer Zange auf dem Asphalt einer dunklen Gasse einen Zahn? Ohne scheinbar erkenntlichen Grund? Braucht er den Schmerz um weiterzumachen zu können?
Das Gefühl, das “You were never really here” hinterlässt, ist mit dem zu vergleichen, den “We need to talk about Kevin” hintelässt – ein anderer Psychothriller Ramsays mit Tilda Swinton in der Hauptrolle. Eine diffuse Mischung aus Unwohlsein, Schock und Ekel und dem Wissen spannendes und herausforderndes Kino gesehen zu haben.

Laura Varriale

You Were Never Really Here“, Regie: Lynne Ramsay, DarstellerInnen: Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov,  Alessandro Nivola

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22. Oktober 2017 | In Allgemein | Keine Kommentare »

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