“Paterson” von Jim Jarmusch


Filmplakat zu Jim Jarmuschs "Paterson". (c) Weltkino

Filmplakat zu Jim Jarmuschs “Paterson”. (c) Weltkino

Momente einer radikalen Alltäglichkeit

Paterson (Adam Driver) ist Busfahrer in Paterson, New Jersey. Er mag die Gedichte des Lyrikers William Carlos Williams, insbesondere jene aus dessen Werk “Paterson”. In seinen Arbeitspausen sitzt er vor dem prominenten Great Falls Wasserfall seiner Stadt und schreibt selbst kleine Gedichte in sein Notizbuch. Abends kehrt er heim zu seiner Freundin Laura (Golshifteh Farahani), isst mit ihr gemeinsam zu Abend und geht mit ihrem knautschigen Hund Nellie Gassi. Dabei macht er einen Abstecher in die lokale Bar. Paterson ist der Held in Jim Jarmuschs neuem Werk “Paterson”.

Jarmuschs Filme handeln häufig von gesellschaftlichen Außenseitern. Seien es sonderbare Gefängnisausbrecher in den Sümpfen Louisianas, existentialistische Vampire in Detroit oder ein traditionsbewusster Samurai im New York der Gegenwart. Paterson ist kein zielloser Drifter wie der Teenager Allie aus Jarmuschs melancholischem Debüt “Permanent Vacation” über die No Future-Generation der 1980er Jahre. Er hat einen Job, ist in einer festen und liebevollen Beziehung und geht einem geregelten Tagesablauf nach. Diesen entfaltet der Film im Ablauf einer typischen Arbeitswoche von Montag bis Sonntag. Besondere Vorkommnisse ereignen sich darin eigentlich nicht. Wie ein Linienbus auf seiner täglichen Route verläuft auch Patersons Leben in klaren Bahnen. Doch auf seinen Wegen durchstreift er die industriellen Infrastrukturen und die Backsteinbauten von Paterson auf ähnlich resignierte Weise wie Allie und wirkt dabei irgendwie verloren.  Er wirkt sympathisch und intelligent, geht seinen Abläufen jedoch routiniert und kalkuliert nach. Seine Gedanken und Gefühle offenbart er nur selten.

Seine Freundin Laura hingegen ist empathisch und nahezu manisch produktiv. Sie backt am Wochenende kistenweise Muffins für den lokalen Bauernmarkt, kauft sich eine Gitarre samt Gitarrenkurs auf DVD, bemalt Duschvorhänge und ermuntert ihn dazu, seine Gedichte zu veröffentlichen. Paterson lebt lieber in kleinen Momenten und kapselt sich innerhalb seiner radikalen Alltäglichkeit ab. Er amüsiert sich über Gesprächsausschnitte seiner Passagiere im Bus, folgt den Geschichten der Gäste in seiner Stammkneipe über einem abendlichen Bier und überlegt zusammen mit dem Barkeeper, welche Gesichter der Wall of Fame hinter der Kneipe hinzugefügt werden könnten. Allen Ginsberg hängt bereits dort, auch Iggy Pop und Lou Costello gehören dorthin. Vielleicht ebenfalls sein Idol William Carlos Williams. Sie alle kommen aus der Stadt Paterson und inspirieren ihn scheinbar mehr als die Gegenwart um ihn herum. Paterson macht sich dadurch gewissermaßen selbst zu einem Relikt vergangener Zeiten. Während seine Freundin digitale Medien und Geräte wie Smartphone und iPad nutzt, verzichtet er bewusst darauf. “The world worked fine before they existed” murmelt er, wenn er darauf angesprochen wird.

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1. Oktober 2016 | In Sonstiges | Keine Kommentare »

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