Berlinale-Filmkritik: „The Necessary Death Of Charlie Countryman“ von Frederik Bond


Shia LaBeouf und Evan Rachel Wood in "The Necessary Death of Charlie Countryman". Foto: Berlinale

Shia LaBeouf und Evan Rachel Wood in "The Necessary Death of Charlie Countryman". Foto: Berlinale

Das Ende ist der Anfang ist das Ende

Es gibt Menschen, die beginnen ein Buch mit der letzte Seite, um die Ungeduld von sich zu nehmen. Um zu wissen, worauf die Geschichte hinauslaufen wird. Autoren mögen das verachten, es unterminiert ihren mühevoll erarbeiteten Spannungsbogen. Dabei verrät das Ende oft wenig vom eigentlichen Buch. Direkt zur letzten Seite zu springen, nimmt eine gewisse Anspannung aus dem Körper und schafft eine abgeklärte Form der Ruhe, in der sich die gewohnten Pole Eintritt und Entlassung verschieben und den Blick freigeben auf Nuancen und Randnotizen, die einem in der Dramatik des Handlungsverlaufes so womöglich entgangen wären. Oder bei einem zweiten Lesen erst auffallen würden.

The Necessary Death of Charlie Countryman“ von Regisseur Frederik Bond kündigt die letzte Seite nicht nur im Titel an, er steigt mitten im Ende von eben jenem Charlie Countryman (Shia LaBeouf ) ein. Mit zerschlagenem Gesicht hängt dieser kopfüber an einem dünnen Balken. Eine Waffe wird auf ihn gerichtet. Ein Schuss fällt und Charlie stürzt sabbernd und blutend in einen Abgrund. Anfang und Ende fallen nun zusammen. Charlies Mutter verstirbt am eigentlichen Beginn der Geschichte. Einen Moment später sitzt ihr Geist im Zwiegespräch neben dem verstörten Sohn und bittet ihn, nach Bukarest zu reisen. Charlie folgt dem Fatum seiner Mutter und trifft wenig später im Flugzeug auf Viktor, einen skurrilen, väterlich anmutenden Herrn, der ihm erst das Shirt im Schlaf vollsabbert und kurz darauf im Flugzeug das Zeitliche segnet.

Als schicksalhaft erweist sich abermals eine sich dem Tod anschließende Unterhaltung mit dem Geist des Verblichenen, der Charlie bittet, seiner Tochter eine letzte Nachricht zu übermitteln. Was nun folgt ist ein pulsierender, rasender und vor verschwenderischer Visualisierungskraft strotzdender Trip durch Bukarest. Dort trifft Charlie tatsächlich auf Viktors Tochter Gabi (Evan Rachel Wood) und verliebt sich in sie. Er trifft auf seine beiden Sidekicks Carl (Rupert Grint) und Luke (James Buckley), die ihn durch einen irren Rausch aus Drogen, Partys und elektronisch-verzerrten Träumereien schleifen. Unausweichlich mischen sich in diese Ekstase aus Fremdheit, Hingabe und Narrentum die beiden Schatten Nigel (Mads Mikkelsen) und Darko (Til Schweiger). Und mit ihnen kündigt sich der Untergang Charlies an.

Wäre dies ein Buch, man würde im letzten Drittel innehalten. Kurz durchatmen und noch einmal zurückblättern, um diese lumineszente Bildgewalt und bedeutungsschwere Anhäufung an Übermaß, Heldentum, Leichtsinn, Wildheit, Genuss und Liebe zu verstehen. Shia LaBeouf wird mit Freuden seine blutende Fresse über den Abgrund gehalten haben, denn Frederik Bond schenkt ihm mit diesem Charlie Countryman ein Gesicht, das ihm von Michael Bay und seinem „Transformers„-Schund auf ewig verunstaltet schien.

Martin Daßinnies

Berlinale-Termine: So 10.02. 15:00, Friedrichstadt-Palast (D); So 10.02. 22:15, Haus der Berliner Festspiele (D); So 17.02. 22:45 Berlinale Palast (D)


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