„Über die Unendlichkeit“ von Roy Andersson


Eigentlich hat man (Jan Eje Ferling) doch alles erreicht und keinen Grund, sich zu ärgern. Aber der ehemalige Klassenkamerad hat sogar noch promoviert! © Neue Visionen Filmverleih

Das System ist das Problem

Ein Mann, der sein Geld vor dem Schlafengehen unter seiner Matratze versteckt, ein Priester, der seinen Glauben verliert und heimlich zum Messwein greift, einer, der von einem ehemaligen Schulkameraden auf dem Nachhauseweg nicht gegrüßt wird. In Roy Anderssons neuem Film „Über die Unendlichkeit“ gibt es viele leidende weiße Männer. Viele leidende weiße Männer, die in kaleidoskopisch zusammengesetzten Szenen an Selbstzweifeln nagen, erkennen, dass sie alt geworden sind und wenig erreicht haben oder zweifelnd auf ihre bisherige Weltanschauung blicken und gerne von jemanden aus dem eigenen Alptraum geweckt werden würden.

Eine weibliche sanfte Erzählerstimme, die durch Scheherazade aus „Tausendundeine Nacht“ inspiriert ist, hält die Vielzahl kleiner Geschichten zusammen. In gewohnt grauer, trister Farbpalette, die an Eierschale erinnert, erzählt „Über die Unendlichkeit“ trocken von der Verletzlichkeit des Menschen. Irrationale Urängste von Neid, die Kinder schon im Sandkasten empfinden, türmen sich bei Anderssons Figuren immer wieder plötzlich auf. So beschwert sich ein Mann bei seiner Frau, dass ihn ein alter Schulfreund auf der Straße nicht grüßt. Der Schulfreund hat promoviert, er ihn früher gemobbt. Er hat nicht promoviert und ist rumgereist. Sein Job, seine Prioritätensetzung, sein Lebensentwurf – alles wird im Vergleich zu einem ehemaligen Bekannten sinnlos. Eine andere Szene zeigt wie ein schweigendes Paar auf einer Bank sitzt, in die Ferne blickt, den Rücken der Kamera zugewandt und die Frau feststellt, dass schon September sei. Das nüchterne, anteilslose „Hm“ des Mannes schockt den Zuschauer mehr als die Tatsache, dass für die beiden der Sommer bald zu Ende sein wird.

Kein Ende haben dagegen die Gefühle und Zustände von Anderssons Figuren. Die von ihm inszenierten menschlichen Ängste sollen verschiedene Generationen und Zeitebenen überdauern. Der Mensch ist endlich, seine Verletzlichkeit nicht. So sind historische Szenen, in denen eine deutsche Armee durch eine Schneelandschaft marschiert oder ein Liebespaar über das vom Krieg zerbombte Köln schwebt mit Szenen aus der Gegenwart montiert. All die „schlechten und grausamen Seiten des Lebens“, die Andersson zu einer Art Sibylle Berg des skandinavischen Kinos machen, „betonen“ laut Andersson selbst „die Schönheit des Lebens“. Den Seitenhieb auf das Hollywood-Kino, das vom Eskapismus lebt, verstände das Publikum auch mit einer Prise weniger Tristesse und mehr Mut der Figuren verschiedene individuelle Lebensentwürfe nicht zwanghaft miteinander zu vergleichen. An das Gute glauben in „Über die Unendlichkeit“ nur noch Teenies. Sie haben noch Freude am Leben, blicken unbekümmert auf die Welt und tanzen beschwingt durch lichte Sommertage.

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8. März 2020 | In Allgemein

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