„Wann wenn nicht jetzt?“ von Will von Tagen (Okt 19)


„Wann wenn nicht jetzt?“ von Regisseur Will von Tagen ist unser Open Screening Kurzfilm des Monats Oktober 2019.

An jedem dritten Mittwoch im Monat können Filmemacher ihre Kurzfilme – ohne Anmeldung, ohne Vorauswahl, ohne Jury – beim Open Screening im Sputnik Kino Kreuzberg präsentieren und jeweils nach der Vorführung mit dem Publikum ins Gespräch kommen. Unerwünschte Inhalte können vom Publikum mit mehrheitlich gezogener roter Karte gestoppt werden. Das Ganze ist somit so etwas wie ein Filmfestival ohne Netz und doppelten Boden, bei dem ausschließlich Filmemacher und Publikum entscheiden, was gezeigt wird.

berliner-filmfestivals.de präsentiert euch einmal im Monat einen von den Veranstaltern ausgewählten Beitrag der letzen Open Screening-Ausgaben mit einem Interview. Bei uns erfahrt ihr mehr über die Macher der Filme und ihre Pläne. Nach Sisyphus“ vom Regisseurinnen-Duo Veronika Kühner und Celestina Frese im August und dem Festivalhit 3:30“ von Hussen Ibraheem im September, stellen wir euch im Oktober „Wann wenn nicht jetzt?“ von Will von Tagen vor.

In unsem Interview mit Teli, die die Idee zu Projekt hatte, diese als Drehbuch umsetzte und produzierte, erfahrt ihr mehr über die Hintergründe und die Entstehung des Kurzfilms…

Viel Vergnügen!

Teli, worum geht’s in deinem Film?
Teli:
In diesem kurzen Clip, der ohne Dialog auskommt, geht ein junger Mann zum Friseur und lässt sich unaufmerksam die Haare schneiden. Die Friseurin schneidet ihm einen strammen HJ-Schnitt aber erst als sie ihm ein Hitlerbärtchen schneiden will, greift er ein.

Wie ist die Idee zu „Wann wenn nicht jetzt“ entstanden?
Nach den Ausschreitungen in Chemnitz in September 2018 hat die Zivilgesellschaft #WirSindMehr gerufen. Aber für viele Menschen und Initiativen im sächsischen Hinterland war der Aufruf unpassend, weil sie dort einfach nicht mehr sind. Das Treibhaus Döbeln e.V. (dem fast seine gesamte Finanzierung vom jetzigen Stadtrat gestrichen wurde) setze also das Hashtag #WannWennNichtJetzt als angemessene Antwort in die Welt und forderte somit Zivilgesellschaften, Bürger, Behörden und Wähler auf, sich jetzt klar und entschlossen gegen Rechtsextremismus oder, besser gesagt, gegen völkisch-nationalistisches Gedankengut zu engagieren.
Dieser Aufruf hat auf uns gewirkt! Wir dachten: „Ey, wir sind Leute, die etwas mit Medien machen und wollen mehr tun als nur demonstrieren gehen. Lass uns doch mal einen Clip gegen Nazis machen!“

Wie wurde der Film gemacht?
Wir hatten kein Geld und waren auf Spenden und Unterstützungen von politischen oder kulturellen Förderungen angewiesen, die von dem Projekt längst nicht so begeistert waren wie wir und so mussten wir am Ende sehr spontan mit ganz wenig Mitteln produzieren. Ursprünglich war das Ganze als Reihe mit mehreren Clips geplant, davon mussten wir uns ziemlich schnell verabschieden, weil wir kaum Unterstützung erhalten haben. Wir hatten also nur diese eine Möglichkeit zu den Landtagswahlen einen Clip zu machen. So entschieden wir uns für das am wenigsten aufwendige Skript. Unser Team bestand eigentlich aus Freunden oder ehemaligen Kollegen, mit denen wir gerne arbeiten und denen wir auch künstlerisch blind vertrauen. Also eine eher überschaubare Größe…
Glücklicherweise war unser Team extrem engagiert und hat uns bei der ganzen Produktion stark geholfen: bei der Locationsuche, bei Verhandlungen mit dem Technik-Verleih, der uns schließlich die Technikmiete gespendet hat, bei der SEHR SPONTANEN Suche nach einem Regisseur und so weiter! Am Ende, hat alles nur deshalb geklappt, weil eine handvoll Menschen uns nicht im Stich gelassen hat. Das war eine echte emotionale Achterbahn! Das hat uns beigebracht, wie dünn das Eis zwischen Erfolg und Scheitern ist. Das braucht eine Menge an Motivation, Ausdauer und endlosem Glaube an das Projekt! Wir möchten daher hier allen Beteiligten unseren tiefsten und herzlichsten Dank aussprechen. Das ist alles genau nur wegen jedem einzelnen dieser Menschen so zustande gekommen und das Ergebnis ist genau so geworden, wie es sein sollte, trotz aller Widrigkeiten und darauf sind wir wirklich wahnsinnig stolz.

Und wie war die Arbeit am Film?
Wir haben uns zuerst montags abends getroffen und Ideen entwickelt. Damals noch für die Reihe. Wir schlugen viele sehr unterschiedliche Situationen, Formate und Konzepte vor, damit unsere Botschaft vielfältig bleibt. Wir wollten diverse Bereiche des Lebens zeigen, die sich in den letzten Jahren mit der AfD und der übermäßigen Hetze im Netz und auf der Straße stark verändert haben.
Wir wollten auf jeden Fall eine „abgelenkte“ Gesellschaft abbilden, die eben die Veränderung möglicherweise zu spät wahrnehmen könnte und dann nicht mehr reagieren kann. Genauso haben die Leute es auch verstanden.

Schön sind die vielen Details im Film. Ich nehme an, das Hundefoto habt Ihr bearbeitet, oder gibt es das Tier tatsächlich?
Wir wollten aus unseren sehr kurzen Clip absolut JEDES Frame ausnutzen und somit auch eine absurde Eskalation darstellen. Wir haben zuerst Bildern gekauft, die unsere Grafikdesignerin retuschiert hat, damit danach keiner kommen konnte und sich beschweren, wir hätten die Bilder seiner Mutter oder so was ähnliches verwendet! Wir wussten, mit diesem Thema werden wir eh genug Ärger bekommen, also wollten wir so „clean“ wie möglich handeln und einfach keine Lücke für juristische Schwierigkeiten offen lassen. Ergo: nein, diesen präzisen Hund gibt es im echten Leben nicht in diesem Look.

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13. Oktober 2019 | In Allgemein

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