Delicatessen – Das Berliner Tischgespräch im Dezember

Crowdfunding ist eine andere Art von Stress


Der Service bringt das Mittagessen zum Tisch

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Von der DNA her eine Kino-Förderung

Theil: Verändert es deine Wahrnehmung eines Projekts, wenn du siehst, dass da 30.000 Euro per Crowdfunding zugesteuert wurden, die nicht vom reichen Onkel aus Amerika kommen?

Saltzwedel: Ja, aber wir sind von der DNA her eine Kino-Förderung. Ein Beispiel ist für mich das Bar25-Filmprojekt, wo gefilmtes Material der letzten zehn Jahre zusammengeschnitten wird, für das im Netz schon 25.000 Euro eingesammelt wurden. Ob das Material fürs Kino taugt? Warum nicht da weiterarbeiten, wo die Filmemacher sind und ihre Gemeinde im Netz bedienen. Der Film wird sicher globale Aufmerksamkeit erzeugen.

Theil: Viele Förderinstitutionen staunen über unsere hohe Förderquote von 40/45 Prozent. Das gibt es nirgends sonst. Das hat Gründe: Viele unserer Projekte kommen aus dem Nachwuchsbereich. Кleinere Filmprojekte oder Kurzfilme funktionieren gut beim Crowdfunding. Bei größeren Projekten muss man aufpassen, dem Publikum nicht zu viel abzuverlangen. Großprojekte wandeln auf einem schmalen Grad, wenn sie so neben großen Förderungen Extra-Geld beschaffen, ist das weniger charmant, als bei kleineren Projekten. Sie verknüpfen Marketing, Vertrieb und Finanzierung. Das Comedy Film Festival hat so Tickets verkauft und hätte das sogar exklusiv machen können.

Saltzwedel: Was habt ihr denen für ihr Geld versprochen?

Behn: Alles! Wären wir nicht rechtlich in einer Grauzone, hätten wir unsere Erstgeborenen für 4.500 Euro versteigert. Solche Projekte erfordern Passion. Für kleine Beträge eher Symbolisches, wir haben unsere Förderer in einer personalisierten Audiobotschaft loben lassen. In allen Aspekten seines Lebens und Daseins ist er der mit Abstand Größte, Schönste und Beste. Blumen verneigen sich vor ihm. Lustiges, das keinen finanziellen Wert hat. Für 50 Euro des Spenders – das war unser großes Projekt – haben wir den Namen des Spenders getanzt. Das hat unglaublich lang gedauert. Es war schrecklich. Unser Problem war, da wir faktisch noch nicht existieren, wie machen wir den Leuten klar, was wir sind? Unser Genre ist die Komödie, unter der in Deutschland jeder etwas anderes versteht. Stand-Up-Comedy ist für viele Mario Barth, Komödie Til Schweiger. Dann kommt lange nichts. Das ist genau das, wo wir gar nicht hin wollen. Da das zu kommunizieren unheimlich schwierig wäre, haben wir es gelassen und stattdessen uns als Team und Menschen kommuniziert.

Theil: Das ist genau richtig und wichtig. Filmemacher präsentieren oft nur einen Trailer. Das reicht nicht. Es geht um die Personen und das Projekt.

Saltzwedel: Ihr macht doch eure Trailer selbst. Damit sticht man aus den über 60 Filmfestivals in Berlin und Brandenburg heraus.

Während des Essens kommt die Runde etwas zur Ruhe.

Während des Essens kommt die Runde etwas zur Ruhe.

Behn: Wir dürfen auch, wegen unseres Genres. Mit Dramen wäre das so nicht möglich. Wir haben unseren Trailer in 27 Minuten in einer Bushaltestelle gedreht. Der sagt: Es gibt die üblichen Festivals und es gibt uns. Neben dem Fantasy Filmfestival als einziges Genre-Festival kommen wir grundsätzlich aus einer anderen Richtung, als andere Festivals.

Saltzwedel: Könnte ich mir auch eine neue Küche crowdfunden lassen?

Theil: Wir versuchen das abzuwehren. Neulich wollte ein Fotograf seine neue Ausrüstung funden lassen, damit er kreativ arbeiten kann…

Saltzwedel: Das muss verhindert werden, um die Marke zu schützen.

Theil: Wir wollen auch weg davon, von „Spenden“ zu sprechen. Es ist kein Bittstellertum. Kreative können etwas zurückgeben. Ich würde immer von Unterstützen sprechen. Ein amerikanischer Filmemacher hat berichtet, wie wenig schwer es ihm in den USA fiel, das Projekt zu promoten. Hier hat er sich nicht getraut. Das hat sicher mit einer anderen Mentalität zu tun, hier bittet man bisher Privatpersonen nicht um Förderung.

Saltzwedel: Ich kenne viele amerikanische Beispiele, die deutlich hemmungsfreier sind, als wir das gewohnt sind. Die Person im Video fordert auf, den Button neben dem Video zu betätigen und so zu unterstützen. Der Gedanke dahinter ist der, dass es immer um die Person hinter dem Projekt geht. Es ist immer eine Künstler-Förderung. Das Projekt ist der Auslöser, aber entscheidend ist die Person, an die es gebunden ist. Die Trailer sind eher Verkaufsaufforderungen, wie wir sie von Shopping Channels kennen.

Lass: Ein schöner Nebeneffekt von Crowdfunding könnte sein, dass das Publikum ein Gespür dafür bekommt, dass Filme Geld kosten. Vielleicht ist es irgendwann egal, ob sie vorher Geld reinstecken oder es später an der Kasse zahlen. Sie nehmen Einfluss auf Produkte, in dem sie eines fördern und ein anderes nicht.

Theil: Filmemacher, aber auch Magazine, verschieben die Auswertung nach vorne. Das kombiniert Vorverkauf und Produktion. Das funktioniert ganz gut bei Indie-Verlagen und kleineren Agenturen. Wichtig bei solch großen Summen, wie denen bei einer Filmförderung, ist die Transparenz. Das ist auch eines unserer Ziele, die herzustellen. Dazu gehört, dass angezeigt werden muss, wenn ein Film z.B. auf 150.000 Euro aus öffentlicher Förderung zurückgreifen kann.

Das momentan bekannteste, aber auch umstrittene Film-ProjektHotel Desire“ kam noch nicht zur Sprache. Das ändern wir im zweiten Teil unseres Gesprächs und unterhalten uns weiter über Filmfestivals, Komödien und speziell die Krise der deutschen Komödie.

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