72. Berlinale: SORRY GENOSSE von Vera Maria Brückner


SORRY GENOSSE © Felix Pflieger : Nordpolaris

Waghalsige Flucht

Liebe auf den ersten Blick ist es bei Hedi und Karl-Heinz, als sie sich 1969 auf der Familienfeier von Tante Klärchen kennenlernen. Die Mondlandung und der Vietnamkrieg halten die Welt in Atem, doch Karl-Heinz und Hedi stehen vor ganz anderen Problemen: Die Mauer trennt die beiden Turteltäubchen. Die Thüringer Medizinstudentin und der Frankfurter Student und Linksaktivist schreiben sich jahrelang unzählige Briefe – und kommen sich dabei immer näher.

Nach Treffen und gemeinsamen Urlauben in Prag und Bulgarien und voller Sehnsucht nach seiner Hedi entscheidet sich Antikapitalist Karl-Heinz dazu, in die DDR umzuziehen, und stellt einen Antrag auf Übersiedelung. Doch schnell hat ihn die Stasi im Visier und verlangt Spionagetätigkeiten in West-Berlin von ihm. Als auch Hedi unter immer mehr Schikanen leiden muss, schmieden die beiden gemeinsam mit Gitti und „Bad Guy“ Lothar, alten Freund:innen von Karl-Heinz, einen Masterplan: Mit einem Ersatzpass, den sie in Bukarest beantragen wollen, soll es für Hedi mit Gittis Identität über Rumänien und Österreich nach Westdeutschland gehen.

Gesagt, getan. Überzeugt von ihrem „bombensicheren“ Plan machen sich die Anfang 20-Jährigen Karl-Heinz und Lothar und die erst 18-jährige Gitti auf nach Rumänien und auch Hedi steigt in der DDR in den Zug nach Bukarest. Doch kaum in Rumänien angekommen, geht alles schief: Die wagemutig-blauäugigen Freund:innen steigen in den falschen Zug, finden ihr Schließfach mit Gepäck und Pässen nicht wieder und hinterlassen ungewollt immer mehr Spuren. Dann bekommt auch noch Lothar kalte Füße. Doch aufgeben gilt für Karl-Heinz und Hedi nicht.

In SORRY GENOSSE bringt Vera Maria Brückner in kreativ-verspielter Form die tragikomische Geschichte einer waghalsigen Flucht auf die Leinwand. So stellt sie etwa die Szenen auf den Behörden in Rumänien mit den Beteiligten in Retro-Kulissen nach und lässt Hedi und Karl-Heinz aus ihren alten Briefen vorlesen. Mit Karl-Heinz und Hedi fährt sie noch einmal an einige der Orte, die eine Rolle für die Geschichte spielen, und lässt die beiden dort von ihren Erlebnissen erzählen. Ursprünglich war auch ein Roadtrip durch Rumänien mit den Protagonist:innen geplant, der jedoch wegen der Pandemie ins Wasser fiel.

Vera Maria Brückner, 1988 in München geboren, studierte Dokumentarfilmregie und Fernsehpublizistik an der HFF München. Mit ihren Kurzfilmen war sie u.a. beim DOK Leipzig, beim Dokfest Kassel, dem Cannes Short Film Corner und dem Montreal World Film Festival zu Gast. Ergänzt durch zahlreiche Archivaufnahmen und alte Fotos und untermalt von Ton Steine Scherben-Songs, neu eingespielt von Florian Paul & Die Kapelle der letzten Hoffnung, verbindet Brückner deutsch-deutsche Geschichte mit den persönlichen Erinnerungen eines sympathischen und entschlossenen Paares, das sich durch den Eisernen Vorhang nicht aufhalten ließ.

Stefanie Borowsky

SORRY GENOSSE, Regie: Vera Maria Brückner. Mit: Karl-Heinz Stützel, Hedwig Stützel, Brigitte Ulrich, Lisa Rumpel, Lothar Thiel.

Termine bei der 72. Berlinale:
Sonntag, 13. Februar, 18:45 Uhr, International
Montag, 14. Februar, 14:30 Uhr, Cubix 6
Dienstag, 15. Februar, 18:00 Uhr, Kino Union
Donnerstag, 17. Februar, 11:00, International
Samstag, 19. Februar, 11:00 Uhr, Cineplex Titania
Sonntag, 20. Februar, 18:00, CinemaxX 2
Sonntag, 20. Februar, 18:00, CinemaxX 1