Das Spiel um den Streaming-Thron



Denn nur einige wenige Video-on-Demand Plattformen bieten einige wenige Serien an, die quasi in Echtzeit ausgestrahlt werden. Das Paradoxe am Serienhype: Längst ist das Format in der Filmkunst und im öffentlichen Bewusstsein der weltweiten Kinobranche anerkannt. Die Berlinale nahm in diesem Jahr die ersten zwei Episoden der zweiten „House of Cards„-Staffel als launiges Zusatzevent mit ins Programm, vergangenes Jahr galt Jane Campions sechsteilige Miniserie „Top of the Lake“ als Geheimtipp und Import aus Sundance, die das erste Mal eine TV-Miniserie zeigten. Immerhin ein Dreivierteljahr später wurde die Serie dann bei Arte ausgestrahlt.

Ausgerechnet der Onlineversandhändler Amazon will jetzt dafür sorgen, dass auch wir zukünftig in den Genuss des Brüste- und straffreien Streamings von möglicherweise erfolgreichen Serien kommen. Bisher hatte Amazon in seiner nur in Amerika abrufbaren „Pilot Season“ die Zuschauer darüber abstimmen lassen, welche der im eigenen Hause vorproduzierten Piloten zu einer ganzen Staffel ausgebaut werden sollen. Gewinner waren etwa die Comedy-Shows „Alpha House“ mit John Goodman oder „Bosch“ mit Titus Welliver. Nun soll der Streamingdienst für die Nutzer ihres Dienstes Amazon Prime verfügbar werden – und drängt damit auf den Markt außerhalb des Serien-Mekka-Landes Amerika. Als einziger ernstzunehmender Konkurrent auf dem legalen Streamingmarkt könnte eventuell Netflix gelten: Von dem Video-on-Demand-Giganten und Produzenten der erfolgreichen Internetserie „House of Cards“ hört man seit Anfang des Jahres immer wieder, er wolle noch dieses Jahr in Europa verfügbar werden.

Dass der Anbieter Amazon, der inzwischen einen ähnlich schlechten Ruf in puncto Social Responsibility wie die Textilgiganten kik, Primark oder auch H&M hat, sich nicht nur die Produktion von renditeverdächtigen Serien aneignen will, sondern gleichzeitig auch deren Distribution an sich reißt, ist ein Modell, das im Hauptgeschäft Buchhandel schon wesentlich weiter ausgereift ist: Dort arbeitet man seit einiger Zeit nicht nur daran, die Buchpreisbindung auszuhebeln, sondern auch als Verlag die Neuproduktion von Bestsellern zu lancieren. Dabei wirbt der Konzern ganz ungeniert renommierte Autoren von traditionellen Verlagen mit hohen Tantiemen ab und tritt als Verleger und Verkäufer in Personalunion auf. Bei „Game of Thrones“ kämpfen sieben Königreiche um den begehrten Thron in King’s Landing. Welche Familie davon die eigentlich richtige ist – das wurde im Laufe der Geschichte immer ungewisser. Wer die Entwicklung der Serie parallel zur Erstaustrahlung verfolgen will, muss momentan noch illegal streamen. Zumindest solange, bis ein neuer Herrscher mit zweifelhaften Regeln die Macht an sich reißt.

Text: Cosima M. Grohmann

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27. April 2014 | In Allgemein

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